Thesen: Planung – Eine radikale Alternative zum Marktfundamentalismus?

11.11.2017
Von Albert F. Reiterer
Thesen zum vergangenen Seminar: 100 Jahre Oktoberrevolution

(0) Die gegenwärtige Krise des Finanzkapitalismus ist ein Ergebnis des Trends zur Deregulie­rung der Wirtschaft. Eine Reihe von Steuerungsfunktionen werden an parastaatliche Organe des globalen Finanzkapitals übertragen. Selbst im Rahmen der gegenwärtigen Grundstruktur ist eine Überwindung der Krise nur denkbar durch verstärkten Einsatz planerischer Mecha­nismen. Doch Planung als solche heißt nicht von vorneherein Sozialismus. Planung kann im Interesse ganz entgegengesetzter Kräfte stattfinden. Wir müssen uns daher die bisherigen Planungserfahrun­gen ansehen.

I. Die historische Erfahrung: „Realsozialismus“

(1) Die Wirtschaftsplanung in der UdSSR war ein Entwicklungsprojekt, eine Strategie der nachholenden Entwicklung für eine schlecht entwickelte Wirtschaft und Gesellschaft. Solche Entwicklungsstrategien gab es und gibt es auch heute in der Dritten Welt ganz unterschied­liche. Aber die Sowjetunion hat wesentlich mehr Aufmerksamkeit genossen als z. B. Brasi­lien. Denn es war der Anspruch ihrer Führung, nicht einfach irgendeinen Entwicklungsweg einzuschlagen und auf Erfolg zu hoffen. Sie bot ihre Strategie als Verwirklichung des alten Menschheitstraums einer gerechten und menschenwürdigen Gesellschaft an. Sie behauptete, den Sozialismus aufzubauen.

(2) Der neuen Gesellschaft und dem neuen Menschen sollte eine völlig neue Wirtschafts-Organisation entsprechen. „Demokratischer Zentralismus“, zentrale Planung sollte das neuerliche Aufkommen von Ausbeutung verhindern. Es sollte den Übergang aus dem „Reich der Notwendigkeit“, nämlich der Armut und des Mangels, ins „Reich der Freiheit“, nämlich des Überflusses und der umfassenden Selbstverwirklichung ermöglichen.

(3) Der Aufbau dieses neuen Wirtschaftssystems begann allerdings erst, als die alte revolutio­näre Führung bereits entmachtet war. Die neue Politik wurde mit ungeheurer Brutalität (viele Hundertausende Erschießungen, Millionen von Hungertoten) durchgesetzt. Sowjetische Planung war somit von Anfang an eine extreme Zwangswirtschaft. In der Transformation einer Agrargesellschaft in eine Industriegesellschaft hatte sie allerdings Erfolg. Die Sowjet­union war aus dieser Sicht eine Entwicklungs-Diktatur. Die wirtschaftlichen Wachstums­raten waren hoch. Schließlich gelang es den sowjetischen Eliten, im und nach dem Zweiten Weltkrieg dem Imperialismus ein von ihnen abhängiges Gegen-Weltsystem entgegen zu setzen.

(4) Doch nach wenigen Jahrzehnten, ab Mitte der 1960er, stellten sich erhebliche Probleme ein. Einer neue Klassenstruktur, die Nomenklatura, verfestigte sich. Angst vor Wandel und Entmachtung machte sie unfähig, ihr Wirtschafts-Modell den neuen Anforderungen aus dem gestiegenen Wohlstand anzupassen. Sie verkannte die dringliche, auch technokratische Not­wendigkeit einer breiten politischen Partizipation. Fortgesetzte Überakkumulation führte zu einer enormen Verschwendung von Ressourcen. Bisher hatte es Arbeitskräfte im Überfluss gegebenen. Die wurden nun knapp. Der Wohlstand stieg kaum mehr und ging in einzelnen Gebieten sogar zurück. Mit dem Schwinden der hohen Wachstumsraten dünnte auch die ohnehin prekäre Legitimität des Herrschaftsgruppe und des ganzen Systems aus.

(5) Die Führung versuchte zu guter Letzt, das politische System umzubauen (Glasnost, Pere­stroika). Doch die Konflikte innerhalb der Elite gerieten außer Kontrolle. Ein politischer Zusammenbruch, von einzelnen Personen (Jelzin) und Gruppen bewusst gefördert, zog einen wirtschaftlichen Zusammenbruch nach sich. In einem atemberaubenden Raubzug übernahmen neue Eliten die Gesellschaft, die weitgehend aus der alten Führungsgruppe stammten. Die Planwirtschaft als Paradigma schien gescheitert. Der Sozialismus als Gegenmodell ver­schwand im „Ende der Geschichte“.

(6) Eine Sonderrolle spielte die VR China. Dort führten Eliten-Konflikte mehrfach zum Wechsel in der Dominanz zwischen verschiedenen Partei-Faktionen. Nach einem besonders harten Konflikt, der Kulturrevolution, schien die den Sowjets nahe Faktion endgültig ge­schlagen. Doch das war ein Scheinsieg der radikalen Maoisten. Die eben noch unterlegene konservative Faktion setzte sich bald mit erstaunlicher Leichtigkeit durch. Nach kurzem Herumtasten setzte sie schließlich auf einen vollständigen, kontrollierten Systemwechsel. Aber die persönlich-politische Kontinuität blieb erhalten. Ein entfesselter und vollkommen korrumpierter Kapitalismus beutet nun die Bevölkerung in einer Weise extrem aus, wie kaum zuvor je in der Geschichte. Das führte zu noch höheren Wachstumsraten als bisher, obwohl diese aller Vermutung nach in der angegeben Höhe ein Propaganda-Artefakt sind. Dies wird im Westen und auch in der Dritten Welt als Bankrott der Planung interpretiert.

II. Plan und Markt heute: Planung als Lösung für die Krise oder als Problem?

(7) Eine Planungs-Debatte wird seit gut einem Jahrhundert geführt. Sie zeigt recht unter­schiedliche Facetten. Planung war ein Kern der Debatte, seit die Moderne die Idee der Selbst­bestimmung überhaupt aufbrachte. Aber sie stand stets in Spannung mit dem individualis­tischen Wert der persönlichen Selbstbestimmung innerhalb von (Groß-) Gesellschaft. Doch schnell reduzierte sich die Diskussion auf die technischen Aspekte ökonomischer Steuerung.

(8) Die Neoklassiker bestritten faktisch die Möglichkeit einer autonomen geplanten Wirt­schaft, obwohl sie mit ihren mathematisierten Gleichgewichts-Systemen theoretisch ein Hauptargument für den Plan aufbereiteten (Walras, Vilfredo Pareto, Enrico Barone). Aber der könne doch nur den Markt imitieren. O. Lange wird das Argument umkehren: Der Markt ist nur ein langsamer „sozialer Rechner“ für das System. Als dies wenige Jahrzehnte später gegen die Wirklichkeit bestehender Planwirtschaften nicht mehr plausibel war, hieß es: Planung sei grundsätzlich ineffizient (Mises). Der Stalinismus ermöglichte den Konservativ-Liberalen bald eine politische Argumentation: Planung sei der „Weg zur Knechtschaft“ (Hayek). Gegenwärtig hält es der Hauptstrom nicht mehr für nötig, gegen Planung zu argumentieren. Er überlässt dies den Sekten der „Neo-Österreicher“ und „Libertären“, die man außerhalb der Propaganda nicht sonderlich ernst nimmt.

(9) Die sowjetischen Ökonomen und ihre Kollegen im osteuropäischen Vorfeld bemühten sich nach dem Zweiten Weltkrieg vorwiegend um praktische Probleme (Strumilin, Liberman, Novozhilov; Brus; Horvath; Kornai; Šik). Einige rückten doktrinär nahe an die Neoklassiker heran. Sie bemäntelten dies aber durch umso eifrigeres Zitieren aus Marx und Lenin. Andere entwickelten wertvolle technisch-mathematische Beiträge zur Planung (Nemčinov, Kantorovič).

(10) Dagegen konzentrierten sich die westlichen Teilnehmer an der Debatte auf grundsätzli­che gesellschaftliche Fragen (Bettelheim, Sweezy, Dobb, Mandel). Sie waren durch die Bank eindeutig gegen den Markt eingestellt. Mittlerweile gibt es eine neue, qualitativ hochstehende Planungs-Debatte (Nove, Cockshott / Cottrell, Devine, Albert/Hahnel). Die folgenden Bemerkungen vergessen auf die Autoren und versuchen einige Themen zuzuspitzen.

(11) Planung war und ist von Anfang weg eine durch und durch politische Frage. Sie ist der Versuch, die Versorgung des Menschen und seine Notwendigkeiten durch bewusste Gestal­tung von Gegenwart und Zukunft aus einer Handlungsbeschränkung (Basis bestimmt den Überbau“) in ein Entwicklungs-Potenzial zu verwandeln.

(12) Als politischer Prozess ist Planung von Oben nach Unten aufgebaut. Daher ist sie auch für ganz unterschiedliche gesellschaftliche und historische Ziele einsetzbar. Sie ist keineswegs per se eine sozialistische Politik. Geplant haben auch Despotien wie die der Inkas (Baudin). Dieser Punkt enthält die ganze Ambivalenz von Planung. Planung kann das effizienteste Mittel des autoritären Staats werden – und war dies historisch auch. Für eine ganze Reihe von Problemen der gegenwärtigen Entwicklung „sollte“ Planung das ideale Instrument sein – aber es kommt auf die jeweiligen Machtverhältnisse an.

(13) Planung, auch Detailplanung, ist heute keine technische Unmöglichkeit mehr. Die alten Planungs-Methoden hatten sich mir ihrem Herumtasten in Versuch und Irrtum nicht so funda­mental von den Funktions-Mechanismen kapitalistischer Wirtschaft unterschieden. Heute gibt es Techniken der Ökonomie und der Information, welche sowohl die Daten-Sammlung – eine Kern-Problematik – als auch die Planung selbst auf neue Grundlagen stellen. Es gibt aber rie­sige Probleme, die wir nicht unterschätzen dürfen – noch immer hinkt z. B. die IO-Rechnung dem Geschehen um 2 – 4 Jahre nach; dabei ist sie vergleichsweise grob, hat in Österreich „nur“ 75 Aktivitäten und in der BRD 71 Güter. Aber die Technik ist nicht das Hauptproblem. Damit ist eine Vervollkommnung der Technik und die Konzentration darauf auch nicht die Lösung.

(14) Planung ist nötig aus fundamentalen sozialen und ökonomischen Gründen. Gleichzeitig ist sie eine Gefahr für selbstbestimmtes Leben und Demokratie und kann überdies in die falsche Richtung führen. Im Grund ist dies nichts anderes als der alte Antagonismus zwischen der modernen Großgesellschaft als Voraussetzung für hohen Wohlstand und ihren Kosten für persönliche Autonomie durch bürokratische Herrschaft. Politisch spiegelte sich das auf der Linken im Antagonismus zwischen Anarchisten und Marxisten. Die Anarchisten optierten für die Warengesellschaft und die persönliche Autonomie. Sie sahen aber nicht, dass sie damit die Produktivität opferten. Die marxistische Strömung war resolut für die moderne Großgesell­schaft und ihre produktiven Möglichkeiten, Sie sahen aber nicht die Gefahren der dabei unvermeidlichen bürokratischen Herrschaft.

(15) Das Hauptproblem ist zweifach politisch.

(15a) Die neoliberale Ökonomie spricht stets von „Motivation“; dahinter steht eine echte Problematik, wenn auch korrumpiert in der Ideologie der Oligarchie: Es geht um Entschei­dungen möglichst weit unten, um persönliche Autonomie zu wahren. Solche Basis-Entschei­dungen verwirklichen persönliche Interessen und Identitäten am effizientesten: weil sie aus riesigen Informationskosten der Gesellschaft oft lustvolles Suchen nach Optionen machen; weil sie die persönlichen Ziele in Triebkräfte des Handelns verwandeln.

(15b) Viel wesentlicher ist aber, dass es politische Kontroll-Mechanismen in mehreren Ebenen gibt, welche die Planungs-Bürokratie kontrolliert. Das ist denn auch eine der Problematiken der neuen Debatte.

(16) So hat die neuere Planungs-Debatte, hauptsächlich in den angelsächsischen Ländern, zwei Richtungen eingeschlagen:

Die eine kümmert sich hauptsächlich um Fragen der Planungs-Techniken. Das ist überaus nützlich. Es vermeidet die chevalereske Manier mancher früherer westlicher Theoretiker, technische Probleme als ganz zweitrangig zu betrachten. Aber das Zentrum der Problematik erfasst dies nicht.

Die zweite fragt nach der politischen Kontrolle der Planungs-Bürokratie. Ich halte sie für fundamental. Die Vorschläge mögen oft zweifelhaft sein, vor allem, weil sie ein viel zu hohes zeitliches und emotionales Engagement der Bevölkerung verlangen. Doch die Zielrichtung ist entscheidend. Die weitere Debatte muss m. E. vor allem diese Überlegungen weiter verfolgen.

(17) Die Frage des Marktes muss entmystifiziert werden, sowohl gegen die liberalen wie auch gegen die sozialistischen Dogmatiker. Markt als kontrollierte polit-ökonomische Institution lässt sich sowieso weder im Konsumbereich noch in der Verteilung der Arbeitskraft vermei­den. Doch ist dies als ein Vorteil zusehen: Gegen die Bürokratie lässt sich hier ein Widerstand aufbauen.

Die Frage der Planung erfasst die ganze Geschichte mit ihrer Dialektik von kollektiv selbstbe­stimmter Gesellschaft und individuell selbstbestimmter Person. Das Wiederaufwerfen der Planungsfrage ist, m. E., ein ganz entscheidender Punkt im antihegemonialen Kampf, welcher derzeit unser politisches Hauptproblem und Hauptziel ist.

 

Lesenswert sowohl historisch (Allen, Nove / Nuti) als auch politisch aktuell Cockshott / Cottrell):

Allen, Robert C. (2003), Farm to Factory. A Reinterpretation of the Soviet Industrial Revolution. Princeton: University Press.

Baudin, Louis (1978 [1928]), El imperio socialista de los Incas. Santiago de Chile: Edicion Zig-zag.

Cockshott, W. Paul / Cottrell, Allin (1993), Towards a New Socialism. Nottingham: Russel Press.

Nove, Alec / Nuti, D. M. (1972), eds., Socialist Economics. Selected Readings. Harmondsworth: Penguin.

Preobrazhensky, E. (1926), Socialist Primitive Accumulation. In: Nove / Nuti, eds., Socialist Economics, 130 – 148.

Verweise