Zur Entstehung, Entwicklung und ideologischen Verortung der RAF

06.09.2018
Von Florian Sander
Es sei vorweggeschoben: Dieser Artikel hat nicht den Anspruch, eine umfassende Darstellung der Entstehungsgeschichte der RAF zu liefern – hierzu wurde bereits eine große Menge an wissenschaftlicher Fachliteratur publiziert, welche dem interessierten Leser ans Herz gelegt sei und die weitaus besser ins Detail zu gehen vermag. An dieser Stelle ist hingegen wichtig, den Entstehungshintergrund insoweit zu klären, um zu richtigen Schlussfolgerungen mit Blick auf ideologische Verortung und politische Bewertung zu gelangen. Eine Bewertung, im Rahmen derer auch deutlich wird, welch gravierende Rolle (fehlende) politische Diskussionskultur und der mitunter zutiefst schädliche Einfluss der Mainstream-Medien auf diese damals wie heute spiel(t)en.

Wenn in der Terrorismus- und Extremismus-Forschung von den Taten der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) die Rede ist, so werden diese nicht selten mit dem Begriff „Linksextremismus“ versehen. Dies hat dann zur Folge, dass die RAF in Sachen politischer Gewalt gewissermaßen in einer ideologischen Reihe mit heutigen Linksautonomen, Antifa-Gruppierungen und Antideutschen rangiert, welche vor allem bei Demonstrationen durch Gewalttaten auffallen. Doch diese Kategorisierung zeigt vor allem eines: Wie diffus der Begriff des „Linksextremismus“ noch immer ist. So entspringt die RAF doch weltanschaulich einer ganz anderen linken Stoßrichtung als die globalistisch geprägte, antideutsch und antinational ausgerichtete „Linke“, mit der wir es heute so häufig zu tun haben.

Entstehungshintergrund

Beobachtet man die öffentliche Meinung in Hinsicht auf terroristische Taten (von wem auch immer sie ausgeübt werden), so wird einem oft der Verdacht begegnen, es könne eigentlich nur eine tiefgreifende psychische Erkrankung sein, die Menschen zu Terroristen macht und sie derart drastische Taten verüben lässt. Vergessen wird dabei gern, dass das Selbstbild des Terroristen nicht „Terrorist“ lautet, sondern eher: „Soldat“.

Terroristen – egal welcher Couleur – sehen sich als Soldaten, was, aus ihrer Sicht, Verbrechen zu militärischen Operationen macht, die demnach keine „kriminellen Handlungen“ mehr sind – woraus sich wiederum die moralische Rechtfertigung vor sich selbst ergibt, diese zu verüben. Ulrike Meinhof schrieb in diesem Zusammenhang: „Wirft man einen Stein, so ist das eine strafbare Handlung. Werden tausend Steine geworfen, ist das eine politische Aktion. Zündet man ein Auto an, ist das eine strafbare Handlung. Werden hunderte Autos angezündet, ist das eine politische Aktion."

Nun kann es eben keine Konfliktsysteme – wiederum: egal wo, egal welche – geben, die nur aus einer Konfliktpartei bestehen; es sind mindestens zwei vonnöten, um ein solches zu bilden. Und mit einem solchen haben wir es auch hier zu tun. Denn obwohl das politische Establishment stets geneigt ist, dem bestehenden Staate nachträglich mehr und schneller zu verzeihen als einer längst (genauer gesagt, im Jahre 1998) aufgelösten Terrorgruppe, hat die Bundesrepublik ihrerseits einiges getan, um den betreffenden Konflikt erst entstehen zu lassen.

Die wichtigsten Stationen dieses beginnenden Konfliktsystems, zeitlich datiert auf Ende der 60er Jahre, sind allgemein bekannt: Der Besuch eines von den USA und der BRD unterstützten und hofierten persischen Tyrannen, die überaus repressive Reaktion des Staates auf den studentischen Protest dagegen, der Mord an Benno Ohnesorg, das Attentat auf Rudi Dutschke. Flankiert und angeheizt wurde diese – im Grunde als früh-neokonservativ zu bezeichnende – Repression durch die Hetze des Springer-Verlages. Zeitgleich dominierte der Vietnamkrieg der USA die Schlagzeilen – ein Krieg, der erstmals massenmedial in breiter Form rezipiert wurde, angesichts seiner Brutalität überall auf der Welt Menschen zutiefst schockierte und die starke moralische Fassade der USA zum Einsturz brachte.

In etwa zur selben Zeit arbeitete die damalige Große Koalition die Notstandsgesetze aus, die in der ohnehin schon angespannten gesellschaftlichen Situation der BRD wirkten wie Öl im Feuer, indem sie die Drohkulisse einer neuen, autoritär-repressiv abgesicherten „westlichen Diktatur“ schufen. Ein Bild, das – angesichts des Vorgehens der Polizei gegen die studentischen Demonstrationen und die all dies stets begleitende Springer-Hetze – logischerweise gar nicht allzu unrealistisch wirkte, was umso mehr galt, als dass man die kleine, bürgerliche FDP im Bundestag auch nicht wirklich als echte Opposition bezeichnen konnte. Diese echte Opposition war vielmehr „außerparlamentarisch“ und fand auf der Straße und in den Hochschulen statt.

In diesen historischen Kontext fiel die Gründung der später als RAF bekannt gewordenen Baader-Meinhof-Gruppe genauso wie etwa auch die der weniger bekannten Gruppierung „Bewegung 2. Juni“. Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof, Horst Mahler und deren Gefolgsleute aus der sogenannten ersten Generation der RAF sahen sich als „Soldaten“ in einem Konfliktsystem, zu dem sie selbst nicht den Anstoß gegeben hatten; betrachteten sich also – jedenfalls im Makro-Kontext gesehen – als „Reagierende“, nicht als diejenigen, die die Initiative ergriffen haben.

Entwicklung

In noch stärkerer Form galt dies für die zweite Generation, welche durch Namen wie Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt und durch Aktionen wie jene des „Deutschen Herbst“ im Jahre 1977 bekannt wurde. Für diese wurde das ohnehin schon bestehende Konfliktsystem ergänzt um den Umgang mit den in Stammheim inhaftierten Mitgliedern der ersten Generation seitens der BRD-Justiz, welchen man nur noch schwerlich als rechtsstaatlich bezeichnen konnte.

Die Bundesrepublik verriet – wie zuvor die USA in Vietnam – ihre hehren demokratischen Ideale, über die sie sich zuvor immer von der DDR abgegrenzt hatte: Der Tod von Holger Meins in Folge seines Hungerstreiks, den der damalige Anwalt der RAF, der spätere Bundesinnenminister Otto Schily, als „Hinrichtung auf Raten“ bezeichnet hatte; die „besonderen Haftbedingungen“ für die Mitglieder der ersten RAF-Generation; der Stammheimer Schauprozess gegen Baader, Ensslin, Meinhof und Raspe, der jedoch für die Justiz zum Bumerang geriet, sowie der Tod der vier zuvor Genannten in der Haft, angesichts dessen die Mord-Vermutung nicht mehr allzu fern liegen musste. In etwa in denselben Zeitraum fielen eine extrem verschärfte Innenpolitik seitens der Bundesregierung und der Abbau von Bürgerrechten, inklusive dem berühmt-berüchtigten „Radikalenerlass“, mittels dessen „Staatsfeinde“ aus dem öffentlichen Dienst ferngehalten werden sollten, was nicht zuletzt auch Lehrer und Hochschuldozenten traf.

So viel brutaler also die zweite Generation der RAF vorging, desto verschärfter und repressiver war auch die makrosoziologische Ausgangslage und die Politik der BRD, welche diese prägte – vorangetrieben durch eine selbst „getriebene“ sozialliberale Koalition, die panische Angst hatte, gegenüber der bürgerlichen CDU/CSU-Opposition als zu untätig zu gelten. Mit der Eskalation, die der „Deutsche Herbst“ bereithielt, hätte die BRD-Führung rechnen können und sollen.

Ideologische Verortung

Mit der heutigen extremen „Linken“, die vor allem durch postmoderne Forderungen wie den „deutschen Volkstod“, radikales Solidarisieren mit den USA und vor allem Israel und allerlei Sozialkonstruktivismus in Hinsicht auf Geschlecht, Sexualität und Ethnie auffällt, hatte die RAF, die damals offen Begriffe wie „Volk“ verwendete, wenig bis gar nichts gemeinsam. Stattdessen begriff sie sich als Teil der anti-imperialistischen Linken, im Zuge derer sie sich in einen entsprechenden internationalen Kampf einreihte, als dessen deutscher Teil sie sich betrachtete – eine Haltung, die sich aus den oben dargestellten globalen Ursachen für das hier diskutierte Konfliktsystem ergab. Dies geschah unter anderem in Form der Ausbildung durch die palästinensische Fatah in Jordanien; später durch die Solidarisierung mit den französischen und italienischen RAF-Pendants „Action Directe“ und „Rote Brigaden“ (welche übrigens ideologisch recht ähnlich verortet werden können).

Aus dieser Haltung heraus ergab sich auch das berühmt gewordene, von Ulrike Meinhof verfasste „Konzept Stadtguerilla“ der RAF, welches sich vom Vorgehen sozialrevolutionärer Gruppen in Ländern der Dritten Welt inspirieren ließ und dieses mit Blick auf entsprechendes Handeln in deutschen Städten „weiterdachte“. Entsprechender primärer Adressat der RAF-Aktionen waren demnach dann auch nicht zuletzt US-amerikanische Militäreinrichtungen, welche man einerseits als Besatzer sah (womit sich die RAF letzten Endes also auch als pro-nationale Kraft betrachtete) und andererseits als (zu jener Zeit in Asien) Kriegsverbrechen ausübende Macht, die es mit allen Mitteln zu bekämpfen galt.

Eine ähnliche Position hatte in diesem Denken der enge US- und auch BRD-Verbündete Israel inne, welches man als imperialistische Macht des Nahen Ostens betrachtete und weswegen man die Fatah bei ihrem bewaffneten Kampf dagegen unterstützte. Die Geiselnahme von München im Jahre 1972, bei der 11 israelische Athleten starben, wurde von der RAF ausdrücklich begrüßt, da man sie als legitime Antwort auf die israelische Palästinenserpolitik ansah; Ulrike Meinhof lobte sie später als beispielhafte revolutionäre Tat voller „Sensibilität für historische und politische Zusammenhänge“.

Im Gegensatz zu vielen anderen politisch-gewalttätigen Gruppen jener Zeit (aufgrund des Fehlens einer allzu klaren Hierarchie ist hier im Falle der RAF bewusst nicht von einer „Organisation“ die Rede) verfügte die RAF über eine nicht unbeträchtliche theoretische Fundierung (im Zug derer sie sich im linken Spektrum vor allem maoistisch – also nicht stalinistisch bzw. „realsozialistisch“ – verortete). Dies war einerseits dem theorieaffinen Wirken der Journalistin und Intellektuellen Ulrike Meinhof geschuldet, andererseits aber auch dem Horst Mahlers, welcher im Jahre 1970 im Gefängnis die Schrift „Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa“ verfasste.

Ulrike Meinhof nahm dabei übrigens geschichtspolitische Positionen ein, für die sie heutige Linksextremisten vermutlich heftig attackieren würden. So äußerte sie 1965, zum 20. Jahrestag des Luftangriffs der Alliierten auf Dresden: "In Dresden ist der Anti-Hitler-Krieg zu dem entartet, was man zu bekämpfen vorgab (…): Zu Barbarei und Unmenschlichkeit, für die es keine Rechtfertigung gibt."

Bewertung

Die Umstände der Entstehung und der Entwicklung der RAF zeigen – eben auch anhand der obigen ideologischen Verortung – einmal mehr auf, dass es in der Geschichte kein „schwarz und weiß“ gibt. Wer, ganz im Stile quotenheischender heutiger TV-Dokus, versucht, mittels düsterer Musik, finsteren Sequenzen und sonstigen dramatischen Effekten ein Bild zu zeichnen, nach dem die RAF gewissermaßen wie ein finsterer Dämon urplötzlich aus dem Erdboden getreten und über die unschuldige bis heilige BRD und ihre Verbündeten gekommen sei, will täuschen – und betreibt genau jene Propaganda, welche Ende der 60er Jahre den darauf folgenden Konflikt erst mit herbeigeführt und dann weiter angefacht hat. Der makro-, meso- und mikrosoziologische Komplex rund um die RAF lässt sich ausschließlich sehen als Konfliktsystem, in dessen Kontext die handelnden Akteure agiert und reagiert haben. Es täte unserer politischen Kultur auch heute noch gut, sich diese Erkenntnis eine Lehre sein zu lassen.