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Aktuelles aus Balata

30. September 2004

von Hanan No-Shi

Heut Nacht (27.9.) um 3.15 Uhr wurden Lisa und ich von Lärm draussen auf der Strasse geweckt. Es hörte sich nach mehreren Militärfahrzeugen an, schwere Bulldozer oder ähnliches schienen sich vor unserem Haus zu sammeln. Tatsächlich bekam ich dann auch prompt einen Anruf vom Nachbarn, der mich von seinem Fenster aus die Gegend überblickend ueber die Lage aufklärte und mein Gehörtes bestätigte. In der nächsten Stunde hörten wir dann immer wieder Geräusche, die an Bauarbeiten erinnerten. (Mein geäusserter Verdacht bestätigte sich am Morgen, dass die Soldaten sich wohl die Mühe machten, Strassensperren in Form von roadblocks, die aus grossen findlingsähnlichen Felsbrocken bestehen, zu errichten. Dies taten sie tatsächlich an allen Strassenzufahrten des Lagers bis auf einer einzigen…).

Um 5 Uhr gab es dann draussen Schiessereien, einseitige Gewehrsalven der Soldaten – unbeantwortet.

Um kurz vor 7 wurden wir wieder geweckt, diesmal von einer vor dem Haus, welches durch eine Mauer von der Strasse getrennt ist, explodierenden sound-Bombe. Ihr folgten weitere, auch durften wir durch die geöffneten Fenster Tränengas im Schlafzimmer begrüssen…Wir hörten die ganze Zeit obligatorisches Steineprasseln, sowie die Rufe der Kinder, deren Schulweg sich heute also mal wieder abwechslungsreich gestalten sollte.

Es wurde auch geschossen, ein Blick vom Balkon des Hauses im ersten Stock, den ich wie jeden Morgen auf Soldaten hin absuchte, zeigte drei Militärfahrzeuge, 75 Meter entfernt zwei Ambulanzen und 3 TV-Teams. Zum Glück mussten die Ambulanzen an diesem Morgen nicht ausrücken.

Wir sammelten uns dann kurz zur Besprechung und dann gingen dann zu fünft und von Mohammed begleitet zu einem Haus, welches sich an einer breiten Strasse am Rand von Balata befindet und welches von Soldaten besetzt worden war. In allen drei Stockwerken regte sich nichts hinter den Fenstern, als wir uns lautstark bemerkbar machten. Das liess uns darauf schliessen, dass die Soldaten alle Familien des Wohnhauses eingesperrt hatten, um vom oberen Stockwerk ungestört die Gegend überblicken zu können. Auf unser Rufen regte sich die ganze Zeit über nichts, auch das lautstarke Klopfen und Hämmern gegen die Eisentüren im Erdgeschoss brachte nicht den gewünschten Erfolg.

Statt dessen tauchte nach 30 Minuten ein Jeep auf, vier von uns postierten sich am Strassenrand, als er in 100 Metern Entfernung hielt, einer filmte das Ganze. In den nächsten 4 Minuten stieg 4 Mal ein Soldat aus und zielte kurz auf die Gruppe, dann wurde eine Tränengaspatrone knapp über unsere Köpfe geschossen. Es hiess dann erst einmal wieder heulen…, dann brauste der Jeep heran, drei Soldaten sprangen heraus, stürzten sich auf Aron – in dem Moment der einzige Mann in unserer Gruppe – und wollten ihn ganz klar festnehmen. Er stürzte jedoch zu Boden und sofort warfen sich Lisa und Rebeka auf ihn drauf, um so – erfolgreich – eine Arrestierung zu verhindern. Natürlich nicht ohne einige Schläge einzustecken, verbal attackiert zu werden und ein zerrissenes Hemd mitzunehmen. Die Aggressivität der drei bewaffneten Soldaten steigerte sich noch, als die Mädels riefen you hurt us, stop beating! Nach vielleicht 40 Sekunden sprangen die drei – frustriert und wütend – wieder in ihr Fahrzeug, warfen zum Abschied noch eine soundbombe in den Tischlerladen, vor dem sich das Ganze abgespielt hat, ein kleines Feuer entstand, da irgendetwas anfing zu brennen…

Nach kurzer Löschaktion und verbalem Abreagieren gingen wir wieder in die Richtung zurück, nicht ohne den Jeep noch einmal mit heulendem Motor neben uns zu wissen… Wir verschwanden aber flugs durch einen 1,5 Meter breiten Durchgang ins eigentliche Flüchtlingslager. Nebenbei bemerkt, nachts haben die Soldaten nicht einmal die Mühe gescheut, auch vor diesen schmalen Durchgängen Unrat, Steine und Felsbrocken abzuladen.

Wir begaben uns dann in unser Appartement zurueck, erholten uns und reflektierten, aßen und besprachen das weitere Vorgehen. Da wir leider in den nächsten Stunden 4 von unserer Gruppe verabschieden mussten, blieben nur Rebeca und ich übrig – zwei sind für eigentlich jede Aktion zu wenig.

So verbrachten wir die nächsten 2 Stunden mit Aufräumen und Saubermachen und ähnlichem.

Um 17 Uhr ging ich dann mit einem der lokalen Koordinatoren zu einem nahe gelegenen Internetcafe, es hatte aber leider geschlossen, so machten wir uns wieder auf dem Rückweg. Die Strasse war recht gut von Fussvolk bevölkert, trotzdem sahen wir in 150 Meter Entfernung immer noch 2 Jeeps stehen, sowie die Ambulanzen und viele Kinder. Auf dem Rückweg begrüsste Sameh einige junge Maenner freundschaftlich – keine 10 Minuten später waren zwei von ihnen tot. Erschossen von den Soldaten in den Jeeps, einer wurde ins Herz getroffen, der andere in den Kopf. Sie waren definitiv unbewaffnet, möglicherweise haben sie Steine geschmissen, obwohl sie dafür durchschnittlich fast schon zu alt waren. Der eine von ihnen starb mit 20 Jahren, der andere mit 24. Sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort, eine halbe Stunde später gab der Muezzin ihren Märtyrertod über Lautsprecher bekannt- das ist hier so üblich.

Wenn ich doch wenigstens solche Vorgänge irgendwie verstehen oder mit Logik beleuchten könnte. Dann würde die Wut und die Trauer viel leicht einer gewissen Rationalität Platz machen können. Doch hier kann niemand erklären, warum diese Dinge geschehen. Warum werden zwei junge Männer einfach so gezielt erschossen, während sie auf der Strasse entlangschlendern, scherzend, grüssend und lachend, warum werden Häuser besetzt, Familien mit Kindern stundenlang eingesperrt und traumatisiert, warum werden sichtbar unbewaffnete, friedliche Ausländer brutal auf der Strasse von Soldaten überfallen und geschlagen, während sie versuchen, Menschen zu Hilfe zu kommen, warum werden alle Zufahrtsstrassen zu diesem Stadtteil mit Felsanhäufungen zugesperrt, so dass kein Verkehr mehr stattfinden kann?

Klar ist den Menschen, die hier leben nur, dass die Israelis wahrscheinlich eine Invasion ins Flüchtlingslager vorbereiten, es geht das Gerücht einer 100-Stunden währenden Ausgangssperre, die verhängt werden soll. Das heisst, es stehen Haus-zu-Haus-Durchsuchungen der Soldaten an, wer auf die Strasse tritt, spielt möglicherweise mit seinem Leben, dem droht auf jeden Fall, verhaftet zu werden…

Und warum das alles? “Um Terroristennester auszuraeuchern, um die Sicherheit israelischer Staatsbürger zu erhöhen, um potientieller und gesuchter Attentäter habhaft zu werden” könnte eine mögliche Erklärung der Israelis lauten. Fragt sich eigentlich bei denen mal jemand, wieviele neue mögliche Märtyrer jeden Tag aufs Neue durch Vorkomnisse wie diese geboren werden? Die Wut, der Frust, der Hass, die Trauer der Menschen hier ist so gross, gleichzeitig kann man über ihre Leidensfähigkeit nur staunen.

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