Site-Logo
Site Navigation

„Sunniten und Schiiten müssen sich versöhnen“

12. September 2010
Von Mohamed Aburous

Jamal Khattab ist Anführer der salafitischen „Islamischen Dschihad-Bewegung“ sowie gleichzeitig Sprecher des Bündnisses aller islamischen Gruppen im größten palästinensischen Flüchtlingslager, Ain el Hilweh, des Libanon.


F: Wer ist die Islamische Dschihad-Bewegung sowie die Koalition Islamische Kräfte, die Sie repräsentieren?

Dieses Lager wurde 1948 errichtet, als unsere Familien aus Palästina fliehen mussten oder deportiert wurden. Unsere Generation wurde bereits hier im Lager geboren. Dann setzte der palästinensische Widerstand ein. Bis Mitte der 70er Jahre, als die islamischen Gruppierungen sich an der Befreiungsbewegung noch nicht beteiligten, handelte es sich um einen nationalen Kampf. Wie Sie wissen war zu jener Zeit die islamische Idee noch sehr wenig verbreitet und wir begannen uns dem Befreiungskampf anzuschließen.

In der Folge bildeten wir eine Koalition aller islamischen Kräfte im Lager: Hamas, Islamischer Dschihad, Befreiungspartei, Usbat al Ansar und unserer eigenen Organisation, der Islamischen Dschihad-Bewegung, die sich unter dem Namen „Islamische Kräfte“ zusammengeschlossen.

Wir begreifen uns gleichzeitig als islamische und palästinensische Widerstandsbewegung. Unser Land ist besetzt. Es ist daher unsere nationale und islamische Pflicht und unser universelles Recht unser Land zu befreien und uns selbst zu verteidigen. Das palästinensische Dorf aus dem ich komme ist leer. Es gleicht einer Ruine. Es ist unser Recht in unser Land zurückzukehren.

Die Friedensverhandlungen dauern bereits 20 Jahre an und es hat sich gezeigt, dass die Israelis uns nichts geben werden. Die Besetzung der West-Bank und des Gazastreifens hält an und die Bevölkerung leidet weiter. In den Friedensverhandlungen wird nur dieser Teil Palästinas als besetztes Land anerkannt. Israel bricht weiterhin internationales Recht und wird dabei von Amerika unterstützt. Niemand zieht Israel wegen der Verletzung der UN-Resolutionen zur Verantwortung. Daher bleibt uns nichts als für die Befreiung unseres Landes weiter zu kämpfen.

Da wir im Libanon leben müssen wir die lokale Situation hier berücksichtigen. Als Flüchtlinge sind unsere politischen Möglichkeiten beschränkt. 1990 wurden rund um das Lager Check-Points der libanesischen Armee errichtet und der Zugang zum Lager beschränkt. Daher können wir Palästinenser uns an dem Kampf nicht vollwertig beteiligen. Auch die Struktur des konfessionellen Staates macht die Situation für uns kompliziert, da uns nicht die gleichen Rechte wie Libanesen zukommen.

F: Sie haben einige islamische Kräfte erwähnt – Hamas als die stärkste islamische Kraft oder den Islamischen Dschihad. Was unterscheidet sie von Ihnen?

Beide Gruppierungen kämpfen in den besetzten Gebieten. Außerhalb Palästinas sind sie nur politisch tätig und haben Vertretungen in unterschiedlichen arabischen Ländern.

Unsere Gruppe wurde 1975 gegründet. Da wir bereits vor 1982 in den Lager lebten, ist unsere Bewegung an mehreren Orten außerhalb Palästinas verankert. Besonders aktiv waren wir in der Zeit des ersten israelischen Angriffs auf den Südlibanon 1978, während des zweiten Angriffs 1982 als Beirut besetz wurde und in den Jahren zwischen 1982 und 1985 als sich die israelische Armee aus dem Libanon zurückziehen musste. Damals gab es Hamas und Islamischen Dschihad im Libanon nicht.

Es bestehen geringfügige ideologische Differenzen mit den beiden Gruppierungen, da die Bedingungen unseres Kampfs im Libanon von denen in Palästina unterschiedlich sind.

F: Was war Ihre Position zu den Zusammenstößen zwischen Hamas und den salafitischen Gruppen in Gaza letztes Jahr?

Nachdem unser Bündnis außerhalb Palästinas besteht kamen überein, dass die Situation in Gaza und der Westbank unsere Kooperation nicht schwächen soll. Das betrifft nicht nur den Konflikt zwischen Hamas und den salafitischen Gruppen, sondern auch zwischen Hamas und Fatah. Wir kennen die Situation in Palästina nicht im Detail und wir müssen uns vor allem der Lage im Libanon stellen. Natürlich hoffen wir auch auf eine Kooperation aller Gruppierungen in Palästina – aber wir mischen uns in die Konflikte nicht ein. In Ain el-Hilweh haben wir eine Form der Kooperation gefunden. Vor 10 Jahren gründeten wir sogar ein Komitee, welches Islamische Kräfte, Gruppen im Umfeld der PLO und Gruppierungen, die als von Syrien unterstütz gelten, umfasst.

F: Was ist euer Konzept eines islamischen Staats? Was bedeutet für euch Demokratie? Wie steht ihr zu einer Teilnahme an Wahlen in Palästina oder im Libanon?

Der Islam ist anders als andere Religionen. Er regelt unser ganzes Leben und besteht nicht nur aus religiösen Praktiken und Beten. Es gibt seit 1000 Jahren eines islamischen Staat, der von der Scharia bestimmt wird. Dieser Staat bot allen Religionen Platz. Die Kirchen hier sind über 1000 Jahre alt. Die jüdische Bevölkerung floh aus Europa, da sie hier mehr Toleranz erfuhren. Der Islam ist tolerant. Unsere Religion zwingt niemanden zu glauben und garantiert allen anderen Regionen ein Recht ihre Religion auszuüben, selbst solchen ohne Heilige Schrift wie Hindus und andere. So wollen wir, dass ein islamischer Staat funktioniert.

Wahlen wurden im islamischen Staat immer abgehalten: zum Beispiel in Palästina und im Iran. An einer Wahl teilzunehmen widerspricht nicht der islamischen Religion. Die Wahl ist ein Ausdruck des Willens der Menschen. Im Islam werden Wahlen Shoura genannt. Heute nennt man sie Demokratie.

F: Soziale Gerechtigkeit und ein Leben in Würde sind zwei wesentliche Aspekte des Islam. Was bedeutet für Sie “soziale Gerechtigkeit” und “soziale Rechte”? Gibt es ein Konzept islamischen Wirtschaftens?

Die islamische Rechtsprechung sieht eine Verteilung des Wohlstands vor. Es findet sich im heiligen Koran ein Vers der besagt, dass Reichtum nicht monopolisiert werden darf. Ein Beispiel ist das Erbe: Wenn jemand stirbt wird sein Eigentum auf mindestens 10 Personen aufgeteilt. Eine Säule des Islam ist das Almosen – der Zakat. 2,5% des Eigentums sind an die Armen zu spenden. Das Geld geht an den Staat und dieser verteilt es. So passiert es auch in Europa in Form von Steuern. So wird es im Islam seit 1400 Jahren gehandhabt. Die Abgaben sind Teil des Gottesdienstes und damit unabhängig von der Verfassung des Staates. Wir zahlen für die Armen, um unsere Religion auszuüben. Palästinenser beispielsweise haben keinen Staat, aber sie zahlen den Zakat in der Moschee. Oder wir helfen jungen Menschen sich zu verheiraten, wir zahlen Stipendien oder bestreiten die Gesundheitsfürsorge.

F: Im Westen wird von Salafimus nur im Kontext mit Terror und Al-Qaida gesprochen. Wie definiert ihr Salafismus?

Salafismus ist Fundamentalismus. Auch im Westen gab es viele fundamentalistische Bewegungen, die sich auf die Heilige Schrift zurück orientieren wollten, die Puritaner und andere religiöse Strömungen – einschließlich der Protestanten. Der Salafimus weist ähnliche Tendenzen auf. Er trat in Saudi-Arabien vor 150 Jahren auf. Sein Ziel ist die Rückwendung zum Koran und zu den Worten des Propheten. Darin sind sich heute alle muslimischen Gruppen einig. Es gibt auch Unterschiede zwischen den salafistischen Gruppen, moderate und radikale, wie man es in allen Ideologien antrifft. Die Mehrheit der islamischen Gruppen hier zählen nicht zum Salafismus. Und selbst die Salafiten hier sind meist moderat, denn wir sind Palästinenser. Da unser Land besetzt ist, fokussieren wir unsere Energien auf den gemeinsamen Kampf zur Befreiung unserer Heimat. Es gibt eine Strömung hier die man im Gegensatz zum dschihadistischen, den wissenschaftlichen Salafimus nennt. In den Lagern folgt man nicht den Trends außerhalb des Libanon.

F: Eure Gruppe war also nicht in die Kämpfe zwischen der libanesischen Armee und Fatah el-Islam in Nahr el-Bared involviert?

Die Auseinandersetzung in Nahr el-Bared war ein Konflikt, der außerhalb des Lagers entstand. Die Mitglieder von Fatah el-Islam rekrutierten sich aus unterschiedlichen arabischen Ländern. Sie kamen nach Syrien um im Irak gegen die amerikanische Besatzung zu kämpfen. Um die Situation nach dem Schließen der Grenze zum Irak zu beruhigen, wurden diese in einem schlauen Schachzug in den Libanon geschickt. Der Libanon und Syrien standen zu dieser Zeit im Konflikt, denn die Syrer wurden gezwungen den Libanon zu verlassen. Mit Hilfe einer prosyrischen palästinensischen Fraktion, der Fatah el-Intifada, ließen sich diese in Nahr el-Bared nieder, wo es schließlich zur Konfrontation mit der libanesischen Armee kam. Keiner der Mitglieder der Fatah el-Islam war Palästinenser, keiner kam aus Nahr el-Bared, sie stammten alle aus Saudi-Arabien, Algerien und anderen arabischen Ländern.

F: Was war eure Position während der Kämpfe?

Wir versuchten unser Lager zu retten. Wir verhandeltem mit der libanesischen Armee und boten an nach Nahr el-Bared zu gehen um direkt mit Fatah el-Islam zu sprechen. Es wäre notwendig gewesen eine Friedenstruppe zu bilden, die sich zwischen die Armee und Fatah el-Islam stellen hätte müssen. Dazu waren wir nicht in der Lage. Das Lager wurde aber durch die Kämpfe selbst noch nicht zerstört. Die Mehrzahl der Häuser war noch intakt geblieben. Erst nach dem Ende der Kampfhandlungen zerstörte und plünderte die libanesische Armee das Lager. Ein Lokalaugenschein genügt auch heute noch, um sich einen Eindruck vom Leid der Bewohner zu verschaffen. Immer noch beleibt es ihnen verwehrt ihre Unterkünfte wieder aufzubauen.

F: Werden die Ereignisse von der libanesischen Armee verwendet um gegen euch und anderen Gruppierungen in Ein el-Hilweh vorzugehen?

Wir schafften es während der Kämpfe in Nahr el-Bared Verhandlungen mit der libanesischen Armee aufzunehmen, um Zusammenstöße in Ein el-Hilweh zu verhindern. Aber viele Menschen interpretierten den Angriff auf Fatah el-Islam als gegen die Palästinenser im Allgemeinen gerichtet.

F: Wie ist eure Verbindung zu Abdullah Azzam [ein aus Palästina stammender ideologischer Mentor Osama bin Ladens]?

Azzam kam nie nach Ein el-Hilweh und auch nicht in den Libanon. Er war Mitglied der Hamas und kämpfte zwischen 1967 und 1970 gegen die israelische Armee in Jordanien, also in der Zeit in der die PLO dort militärisch präsent war. Obwohl er Mitglied der Moslembrüder, der Mutterorganisation der Hamas, war, kämpfte er in den Reihen der Fatah. Zwischen 1970 und 1980 betätigte er sich als Universitätsprofessor. Dann ging er nach Afghanistan. Er war voll Enthusiasmus, dort seine Ideale zu verwirklichen.

F: Hat sich infolge der Freiheits-Flottille die Rolle der Türkei in der Region verändert? Wie beurteilen Sie die internationale Solidaritätsarbeit gegenüber Palästina?

Den Palästinensern ist jede Art von Unterstützung willkommen. Von muslimischen Ländern wie der Türkei erwarten wir uns jedoch diese Unterstützung. Es ist deren Pflicht. Unterstützung aus nicht-arabischen und nicht-muslimischen Ländern ist uns unabhängig von Religion und Ideologie willkommen. Che Guevara beispielsweise unterstütze Algerien und die arabische Sache. Aber wir verurteilen niemanden, wenn er den palästinensischen Kampf nicht unterstützt.

F: Was ist euer politische Programm hinsichtlich der Entwicklungen in Palästina und dem Libanon?

Wir haben als Palästinenser im Libanon nur eingeschränkte politische Rechte. Wir haben kein Recht uns als politische Partei zu formieren oder auch nur als sozialer Verein. Unsere Aktivitäten im Lager verletzt libanesisches Recht und wenn sie dieses durchsetzen würden, änderte sich vieles im Lager. Als Palästinenser haben wir nicht einmal das Recht eine Apotheke oder eine Klinik zu betreiben. Doch wir betrachten den Kampf um die Befreiung unseres Landes Palästina als unveräußerliches Recht, das uns niemand nehmen kann.

F: Führt ihr einen bewaffneten Kampf oder beschränkt ihr euch auf den politischen?

Wir haben militärische Kräfte im Lager um uns selbst zu verteidigen: Als die israelische Armee den Libanon 1982 überfiel wurde das Lager verwüstet und wir kämpften bis diese 1985 abzogen. Bewaffneter Widerstand ist auch heute notwendig. 2006 kämpften wir im Süden des Libanon gegen die Besetzer unseres Landes. Damals griffen sie übrigens auch das Lager an. Sie stehlen libanesisches Wasser und dringen ohne Erlaubnis in den libanesischen Luftraum ein. Was soll man von so einem Land erwarten.

F: Wie steht ihr zur islamischen Revolution im Iran und zum sunnitisch-schiitischen Konflikt?

Wir rufen zu einer Kooperation und Versöhnung zwischen den unterschiedlichen Konfessionen und Nationalitäten der Region auf. Araber, Türken und Kurden leben seit 1000 Jahren in gemeinsamen Staaten. Wir wollen hier keine unnötigen Unterscheidungen treffen.

F: Seht ihre eine Möglichkeit einer Versöhnung zwischen den beiden Richtungen der islamischen Nation auf ideologischer und theologischer Ebene?

Es gab in der letzten Zeit viele Versuche, aber eine solche Versöhnung braucht die Unterstützung von Staaten und kann nicht von Individuen oder kleine Gruppen getragen werden. In Laufe der Geschichte kam es zu vielen Annäherungen. So gab viele schiitische Minister im sunnitischen Kalifat der Abbasiden. Sie wurden nie als Problem gesehen so lange sie eine Minderheit stellten.

F: Schiiten sind eurer Meinung nach also keine Ungläubigen?

Nein.

F: Wie steht ihr zu Märtyreraktionen oder Selbstmordattentaten in Palästina oder im Irak?

Wir kämpfen fast unbewaffnet gegen einen Feind der alle Arten moderner Waffen besitzt. Wir können ihm nur mit unserem Körper entgegentreten, uns bleibt keine andere Möglichkeit als zu solchen Mitteln zu greifen, die Israelis und Amerikaner lassen uns keine andere Wahl. Wenn wir nicht in dieser Art kämpfen, bleibt nur die Möglichkeit unser Land aufzugeben und unser Volk töten zu lassen.

Der Islam verbietet Selbstmord. Aber wenn dieser die einzige Möglichkeit ist, um sich selbst zu verteidigen, ist er erlaubt. Der Islam verbietet das Töten von Kindern, Frauen und älteren Menschen, auch nicht die der Feinde. Wir kämpfen nur gegen die, die uns bekämpfen. Die modernen Waffen töten auch Zivilisten. Hinterher heißt es, das war notwendig oder unabsichtlich. Im letzten Gazakrieg tötete die israelische Armee 1000 Menschen. Von einer selbst gebastelten Rakete könnte ich auch eine Zivilistin getroffen werden – aber was soll ich tun? Das ist der moderne Krieg. Früher kämpften die Menschen mit Schwertern Angesicht zu Angesicht. Aber die modernen Waffen bringen den Tod von Unschuldigen mit sich. Manche fragen sich, ob wir israelische Kinder als Rache für den Tod unserer Kinder töten dürfen. Aber das lehnen wir klar ab, obwohl die israelische Armee nicht davor zurückschreckt unsere Kinder in Gaza und der West Bank zu töten, ohne dass sie angegriffen worden wären.

F: Was erwartet ihr euch von der Solidaritätsbewegung im Westen?

Ich denke, dass die Menschen im Westen eine wichtige Rolle spielen können, so wie sie es in der Anti-Kriegs-Bewegung taten. Sie können auf ihre Regierungen Druck ausüben keine Unterstützung für Israel und die Besatzung Palästinas zu geben. Nicht einmal für die besetzten Gebiete, die als solche anerkannt werden, haben die westlichen Regierungen den Rückzug Israels verlangt. Im Fall des Irak, Kuwaits oder Jugoslawiens wurde vom Westen eher Stellung bezogen. Aber Israel wird mit anderen Maßstäben beurteilt. Die Menschen im Westen sollten ihre gewählten Regierungen dazu anhalten, Israel mit den gleichen Maßstäben zu beurteilen. Doch die Besatzung des palästinensischen Landes wird von Israel fortgesetzt und Palästinenser werden auch weiterhin von ihrem Land vertrieben. Selbst gewählte palästinensische Vertreter wurden aus Jerusalem ausgewiesen. Israel bricht internationales Recht, und niemand stoppt sie.

Thema
Archiv