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„Palästinensische Einheit das Wichtigste“

Ein Interview mit Dr. Maryam Abu Dagga (PFLP)


19. Dezember 2010

Genossin Abu Dagga berichtet über die Lage in Gaza, über ihre Arbeit mit weiblichen Gefangenen, die Hamas und Fatah, die PFLP-Perspektive und ruft die Europäer zur Solidarität auf.


Dr. Maryam Abu Dagga ist eine PFLP-Aktivistin aus dem Gazastreifen. Von Israel mit 15 ins Gefängnis geworfen, wurde sie nach Jordanien, in den Libanon bis nach Bulgarien ins Exil getrieben, wo sie ihr Medizinstudium abschloss. Später gelang ihr die Rückkehr nach Gaza, wo sie 2006 die PDWSA (Palästinensische Frauenvereinigung) gründete. Ihre derzeitige Arbeit konzentriert sich auf palästinensische weibliche Gefangene.
Die Intifada Zeitschrift interviewte sie während ihrer Beteiligung am 9. Internationalen Symposium gegen Isolation in Wien am 4.-5. Dezember 2010.

Intifada: Sie kommen gerade aus Kopenhagen und waren davor in Berlin. Welche Eindrücke haben sie von der europäischen Solidaritätsbewegung?

AD: Ich habe neue Dinge bemerken können. Die Menschen in Europa haben sich verändert, ihre Meinung zu Palästina hat sich positiv verändert. Früher war die israelische Propaganda überwältigend, die Realität wurde der westlichen Öffentlichkeit vorenthalten. Doch nach dem letzten Krieg und dem Angriff auf die Mavi Marmara wurde das wahre Gesicht des Imperialismus und Zionismus offenbart, und das hilft meinem Volk. Bei Treffen in Dänemark, Deutschland und Italien riefen mir Menschen „Lang lebe Palästina“ zu, wenn sie meine Kufyia sahen. In der Tat ist es Zeit, alle Antiimperialisten zu vereinen. Ich habe viel Energie und Solidarität zu spüren bekommen, junge Menschen, Linke, gewöhnliche Bürger: Sie alle kennen den Zionismus sehr gut und versprachen mir, gegen Israel zu arbeiten. Ich bemerke wie die Menschen zusammenrücken und glaube, dass das Ende des Imperialismus nahe ist.

Intifada: Das hoffen wir. Können sie uns von ihrer Arbeit in Gaza – die Gefangenen und Frauenbewegung – mehr erzählen?

AD: Ich war eine der ersten Gefangenen. Damals war ich 15, ein Kind noch, ich spielte und lebte bei meinen Eltern. Doch die zionistische Besatzung machte ein gewöhnliches Leben unmöglich. So begriff ich, dass es mein Recht ist, mein Land und mein Volk zu verteidigen, weil ich die Angriffe Israels gegen Zivilisten erleben musste.
Im Gefängnis lernte ich meinen Feind sehr gut kennen. Das gab mir die Energie ihn zu bekämpfen. Dafür wurde ich Mitglied der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP). Ich wählte diese Partei, weil sie Frauen gleichberechtigt behandeln und gegen die Besatzung kämpfen. Heute bin ich seit dreißig Jahren ein politischer und sozialer Aktivist in der PFLP.

Ich studierte dann Philosophie, weil ich überzeugt bin, dass nicht nur ein Gewehr meine Waffe sein kann, sondern auch Bildung – es ist sehr leicht, eine Waffe zu haben, doch Vorschläge für die Zukunft zu entwickeln und Menschen zu überzeugen verlangt mehr. Obwohl ich eine der ältesten Studenten war schloss ich mit sehr guten Noten ab; als Mitglied der palästinensischen Revolution beschloss ich, dass ich die Beste sein müsse.

Nach 30 Jahren war es mir möglich, nach Gaza zurückzukehren. Ich traf dort all die Frauen, die mit mir im Gefängnis gesessen haben. Ich dachte, sie hätten mich vergessen, doch jede kam zu unserem Büro, es war wie im Film, wir waren sehr bewegt und glücklich. Ich konnte es einfach nicht glauben. Selbst heute frage ich mich manchmal, ob ich wirklich wieder in meinem Land bin oder bloß träume.

Ich beschloss dann, eine palästinensische Frauenvereinigung zu gründen, insbesondere mit dem Ziel, ehemalige Gefangene und weibliche Häftlinge zu unterstützen. Wir bieten psychologische und rechtliche Hilfe an und unterstützen sie dabei, ihre Geschichten aufzuschreiben. Ich glaube, dass wahre Geschichte nur von jenen erzählt werden kann, die sie gemacht haben. Bis jetzt haben wir 36 Geschichten von palästinensischen Gefangenen veröffentlicht, dazu kümmern wir uns um ihre Familien und die Häftlinge. Wir bieten auch Trainingskurse an und leisten medizinische Hilfe. Inzwischen gehören 100 Frauen der Vereinigung an, und es gibt keine Unterschiede zwischen ihrer Parteiangehörigkeit: Die einzige Fahne ist die palästinensische.

Intifada: Wie sind die Beziehungen der PFLP zur Fatah und Hamas, die im Westjordanland bzw. in Gaza herrschen? Und welche Beziehungen gibt es zur DFLP und dem Islamischen Jihad?

AD: Die weiblichen Gefangenen meiner Organisation kommen aus verschiedenen Palästinensergruppen, Fatah, Jihad, PFLP, Hamas. Wenn man im Gefängnis ist, wird man nicht gefragt, zu welcher Gruppe man gehört. Alle Palästinenser sind gegen Israel. Das ist ein gutes Beispiel finde ich, wie Einheit unter dem palästinensischen Volk aussehen soll. Wir sind schließlich für Palästina im Gefängnis, nicht für unsere Partei. Die PFLP präsentiert meine politische Kultur, doch Abu Ali Mustafa, unser Generalsekretär, wurde nicht als PFLP-Mitglied ermordet, sondern als palästinensischer Revolutionär; folglich ist er für das ganze palästinensische Volk ein Märtyrer, so wie Arafat, Ahmad Yassin und Fathi Shiqaqi.
Ich schlage der Führung der Hamas und Fatah die Erfahrung der palästinensischen Gefangenen als Beispiel vor und sage ihnen auf Demonstrationen und Konferenzen, dass wir palästinensische revolutionäre Frauen sind die gegen Israel kämpfen und unser Leben für Palästina geben und nicht für eine Partei. Die Einheit ist es, was für das palästinensische Volk notwendig ist. Wenn wir Palästina endlich befreit haben, können wir diskutieren wie wichtig welche Partei für die Regierung ist, doch jetzt ist das ganze Volk besetzt und wir brauchen die Einheit von allen, Demokraten, Sozialisten, Revolutionären, gegen Israel als einzigen Feind. Der Zwist zwischen Parteien nützt nur Israel, niemals dem palästinensischen Volk.

Intifada: Berichten zufolge verhaftet die Fatah im Westjordanland PFLP-Mitglieder, und die Hamas schließt im Gazastreifen Jugendzentren und schüchtert Demonstranten ein. Woher kommen diese Probleme?

AD: Unsere Partei hat mit der Abbas- wie mit der Hamas-Regierung ihre Probleme. Demokratie-Defizite finden wir bei beiden. Die PFLP meint, dass der Kampf zwischen Hamas und Fatah eine sehr gefährliche Sache darstellt. Darum sammeln wir die Menschen immer wieder und versuchen, Hamas und Fatah zur Einheit zu bewegen. Wenn wir uns gegenseitig bekämpfen ist es unsere Zukunft, unsere Sache, die Schaden erleidet; darum werben wir für den demokratischen Weg, mit Demonstrationen, bei politischen Treffen sagen wir Hamas und Fatah, wie falsch die Spaltung ist. Wir verteidigen unser Volk, unsere Ideen und Prinzipien mit demokratischen Mitteln, wir können nicht unsere Gewehre aufeinander richten: Am Ende brauchen wir Fatah, wir brauchen Hamas, wir brauchen alle palästinensischen Organisationen; doch wir müssen auch ihre Fehler korrigieren: Hamas und Fatah betrachten sich als Regierungen, doch sind sie beide unter der Besatzung und ihr Mandat ist vorüber, darum müssen wir Wahlen abhalten. Überall wo es eine Krise gibt hält man Wahlen ab.

Intifada: Denken Sie, dass es möglich ist die Fatah zurück in das Lager des Widerstandes zu holen?

AD: Der Punkt ist nicht die Fatah oder Hamas. Unsere Partei kämpft dafür, neue Richtlinien festzulegen, sodass jede Partei proportional vertreten ist. Dann kann keine Partei oder Bewegung die ganze Regierung kontrollieren und sich wie ein Diktator verhalten, denn wenn die Macht in der Hand einer einzigen Partei liegt, wird sie sich verändern und autoritär werden.

Intifada: In einem Interview der jungen Welt erklärt ein PFLP-Genosse, dass mit der DFLP und PPP eine „Alternative zu Fatah und Hamas“ aufgebaut werden soll. Ist das eine brauchbare Perspektive für die PFLP in der Zukunft?

AD: Wir haben lange für die Einheit der palästinensischen Linken gearbeitet. Wir hatten viele Probleme, die DFLP hat zum Beispiel oft einer Sache zugestimmt und sich dann doch wieder zurückgezogen… Doch ja, es gibt keinen anderen Weg, denn die linken Parteien sind schwach und Hamas wie Fatah werden weiter unversöhnt bleiben; nur wenn wir als dritte Kraft stark sind, können wir das ausbalancieren. Das gilt nicht nur für das palästinensische Volk, sondern überall: Wir müssen die linken Gruppen und Parteien zusammen bringen – denn wir haben weite, große Gemeinsamkeiten – und die kleinen Uneinigkeiten beiseite schieben. Mit der Einheit können wir wichtige Dinge erreichen, selbst wenn es Unterschiede gibt, die in einem demokratischen Zusammenhang normal sind. Wir werden darum weiter in diese Richtung arbeiten.

Intifada: Ihr habt eure PLO-Mitgliedschaft ausgesetzt, weil die Verhandlungen nicht länger demokratisch legitimiert waren…

AD: Das war eine Art Provokation. Die PFLP hat die Verhandlungen von Abu Mazen (Abbas) nicht unterstützt, die auch keine demokratische Grundlage haben. Doch als die PLO-Versammlung das entschied, waren nicht mal die notwendige Anzahl an Mitgliedern anwesend! Unsere Partei ist mit Verhandlungen mit Israel nicht einverstanden, weil sie uns nirgendwohin führen – wir haben mit Israel geredet und nichts dadurch erhalten, gleichzeitig raubt Israel weiterhin unser Land und baut Siedlungen. Das ist die erste Krise. Die zweite Krise betrifft Hamas: Sie spricht vom Widerstand, in der Praxis haben sie ihn aber eingestellt. Sie sind sehr still geworden Israel gegenüber, sie wollen einen Waffenstillstand, was ebenfalls gefährlich ist. Wir glauben, ohne Widerstand werden wir nichts erreichen, erst recht nicht, wenn wir untereinander kämpfen. Deshalb ist vom Anfang bis Ende die Einheit das Wichtigste. Wir könnten ein Grundsatzprogramm des Widerstandes haben, ein nationales Programm, das den Parteien trotz ihrer Unterschiede zusagt. Die Verhandlungen müssen indes aufhören, denn es bringt unserem Volk nichts, Israel wird uns nichts geben; Israel ist eine Besatzung und das internationale Recht spricht uns das recht auf einen Befreiungskampf zu. Warum sollen wir aufhören?

Intifada: Denken Sie, dass die PLO reformiert werden kann? Wollt ihr zur PLO zurückkehren oder denkt ihr über eine andere Organisation nach?

AD: Wir müssen versuchen, sie zu reformieren, denn in der PLO ist unser Platz, das ist unsere Geschichte. Sie ist nicht Eigentum der Fatah. Also arbeiten wir mit anderen, um die PLO wie früher als Plattform für alle palästinensischen Organisationen zu öffnen. Die PLO ist nicht vom Himmel gefallen, sie hat viele Opfer, viele Tote gekostet, und sie ist die Geschichte und das Haus des palästinensischen Volkes; sie zu erkämpfen war hart, wie ich sagte, sie gehört nicht der Fatah, sondern dem ganzen palästinensischen Volk.

Intifada: Wie sehen Sie die zukünftigen Entwicklungen? Wir es einen neuen Krieg geben, provoziert Israel eine dritte Intifada?

AD: Israel bereitet sich seit längerem auf einen neuen Krieg gegen Gaza vor, ihre Propaganda arbeitet ebenfalls in diese Richtung. Wir haben nichts: Keine Flugzeuge, Armee, Panzer; Israel auf der andern Seite versucht, so viele Palästinenser wie möglich zu ermorden. Unser Volk ist standhaft: Wir verlassen uns Haus nicht, unterwerfen uns nicht. Doch wir haben nichts, womit wir uns verteidigen können. Im Libanon ist es durch die Hisbollah anders, doch Gaza ist sehr arm. Israel möchte seine Stärke beweisen: Durch ihre Niederlage im Libanon und den letzten Krieg gegen Gaza, der ihr wahres Gesicht enthüllte, befinden sie sich jetzt in einer inneren Krise; um sie zu lösen und zurück zu einer nationalen Einheit zu finden werden sie einen Krieg führen. Unser Volk ist seit dem letzten Krieg ohne Arbeit, Gesundheitsversorgung, sogar ohne Häuser, weil Israel den Wideraufbau nicht erlaubt und kein Baumaterial nach Gaza lässt. Das ist unsere Tragödie, und die ganze Welt ist taub. Darum ist es eure Pflicht als Internationalisten, darüber zu sprechen; das faschistische Gesicht Israels zu entblößen und zu versuchen, einen zweiten Krieg gegen unser Volk zu verhindern.

Intifada: Also ist ihr Aufruf an die Menschen in Europa, über die Besatzung aufzuklären und die Boykott-Bewegung zu unterstützen?

AD: Das wäre gut, ist aber noch nicht genug. Wir brauchen viele Gruppen, die immer und immer wieder die Wahrheit erklären, und der Öffentlichkeit die wahre Geschichte Palästinas vermitteln. Amerika und Europa haben ihre Türen geschlossen, nur Palästina hieß jüdische Siedler Willkommen. Doch sie begannen ihr kolonialistisches Projekt, töteten unser Volk und nahmen das ganze Land für sich selbst. Wir haben sie zu Beginn aufgenommen, wir Palästinenser sind keine Antisemiten, die arabische Welt war toleranter als Europa und Amerika. Auch heute sind wir nicht gegen Juden oder irgendjemanden sonst; wir sind gegen den Zionismus, die Speerspitze des Imperialismus. Wären die Juden in Palästina keine Zionisten, würden sie einem palästinensischen demokratischen Staat mit einer demokratischen Regierung zustimmen, sodass alle Menschen mit gleichen Rechten miteinander leben könnten, ohne religiös, sexistische oder ethnische Diskriminierung. Doch die Israelis sind Zionisten, sie wollen die Palästinenser auslöschen und das ganze Land für sich.

Intifada: Die Einstaaten-Lösung war immer eine Position der PFLP. Mit welcher Strategie wollt ihr sie erreichen?

AD: Wir haben das Recht auf ganz Palästina. Doch im Augenblick sind wir mit einem nationalen Programm einverstanden, welches den Palästinensern in den ´67-Gebieten Selbstbestimmung garantiert. Ganz Palästina ist unsere historische Heimat, doch auf dieser Grundlage wollen wir mit allen palästinensischen Kräften die Einheit erreichen. Wir erklären uns damit einverstanden, doch als einen ersten Stritt; unser strategisches Ziel ist ein demokratischer Staat für alle Menschen.

Intifada: Glauben Sie an eine neue linke Bewegung in der Zukunft? Im Augenblick gibt es im arabischen Raum vor allem den US-Imperialismus mit seinen Lakaien, auf der andern Seite hauptsächlich islamische Widerstandsbewegungen. Doch als Israel Libanon und Gaza angriff, trugen viele Araber Poster mit Chavez auf Demonstrationen…

AD: Das Ziel des Sozialismus bleibt richtig, doch der Versuch, ihn aufzubauen, kann klappen oder scheitern. Zum Aufbau des Sozialismus braucht man eine weltweite Bewegung, in der man voneinander lernt; zugleich kann der Aufbau nicht überall gleich aussehen, jede Region hat ihre besonderen Merkmale. Die Linke heute muss versuchen diesen neuen Kapitalismus zu verstehen.
Was sind die Gründe für die Wirtschaftskrise in Europa? Regierungen haben für ihre Studenten kein Geld, doch sie finden große Summen für ihre imperialen Kriege. Alles hängt zusammen. Wenn die Kriege aufhören, wird alles gut. Wenn Israel und die Besatzung enden, wird das ein Schritt zur Freiheit für alle Völker, nicht nur das palästinensische.

Intifada: Was sind die derzeitigen Möglichkeiten um ein Ende der Gaza-Blockade zu erreichen? Was ist die PFLP-Strategie für dieses Ziel?

AD: Ich denke, dass die palästinensische Einheit das Wichtigste ist. Sie gibt uns viel Kraft, dann sprechen wir mit einer Stimme und erhalten mehr Solidarität. Unser Volk und seine Freunde, Palästinenser, Araber, Muslime, Revolutionäre, Sozialisten, alle müssen der Öffentlichkeit die Sache erläutern und daraufhin arbeiten, dass die Menschen in Europa Druck auf ihre Regierungen ausüben. Gäbe es nicht die massive Unterstützung der USA und Europas für Israel, würde es nicht existieren. Sie haben Israel geschaffen, ihm unser Land gegeben und es bis heute unterstützt. Wer glaubt, Amerika könnte Israel nicht zu einem Rückzug zwingen? Nur Kinder könnten das nicht glauben! Amerika nutzt Israel, und es möchte gegen die Völker des Nahen Ostens Krieg führen um ihre Ressourcen zu kontrollieren.

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