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Die tunesische Oase von Jemna – Arbeiterselbstverwaltung gegen Privatisierungsdoktrin

12. Dezember 2016
Von OKAZ
Am 9. Dezember 2016 fand im Österreichischen Arabischen Kulturzentrum (OKAZ) eine Veranstaltung über die Arbeiterselbstverwaltung und solidarische Mikroökonomie in den Oasen Jemna im Süden Tunesiens statt. Diese Solidaritätsveranstaltung war Teil der Aktivitäten, die das OKAZ den Veränderungen im Arabischen Raum seit Beginn des tunesischen Aufstandes im Dezember 2010 widmete.

Im Folgenden ist ein Veranstaltungsbericht und ein Interview mit Herrn Taher Tahri.

Taher Thari, Vorsitzender der Gesellschaft zum Schutz der Oasen Jemna, erklärte in seinem Vortrag, dass die Dattel-Oase Jemna aufgrund der Rechte ihrer Vorfahren Eigentum der Bauern in der Region ist. Sie wurde von der französischen Kolonialmacht gewaltsam enteignet und nach dem Ende der Kolonialherrschaft übernahm der tunesische Staat die Verwaltung.

Trotz des Widerstands der Bewohner wurde die Oase an die tunesische Milchfirma STIL übergegeben und nach deren Privatisierung zu sehr geringem Entgelt an Regime-nahe Personen verpachtet.

Die Proteste der Bewohner kulminierten in der Übernahme der Oase durch eine Massenkundgebung im Kontext des Aufstands gegen Präsident Ben Ali im Jahr 2011. Die Bewohner gründeten eine Gesellschaft, welche die Oase gemeinschaftlich verwaltet.
Wir veröffentlichen im Folgenden ein kurzes Interview mit Taher Tahri:

OKAZ: Was habt Ihr durch die Gesellschaft zum Schutz der Oasen Jemna seit der Übernahme der Oase durch die Bauern und Bäuerinnen im Jahr 2011 erreicht?

Tahri: Die Produktion ist jedes Jahr angestiegen, denn der Motivationsgrad der Bauern ist sehr hoch. Das wirkte natürlich auch positiv auf die Zahl der Beschäftigten in der Oase (statt früher 23 sind es nun über 100), auf die erzielten Umsätze und auf die Entwicklung der Oase und des Dorfs Jemna.

OKAZ: Wie manifestiert sich diese Entwicklung?

Tahri: Wir haben konkret viele Projekte realisiert, z.B. Schulen erneuert und modernisiert, eine Sporthalle und einen Markt gebaut, Rettungswägen angeschafft, neue Palmen eingesetzt. Viele Projekte sind in Planung.

OKAZ: Wer entscheidet über die Projekte und wie ist die Gesellschaft zum Schutz der Oasen Jemna strukturiert?

Tahri: Wir berufen regelmäßig Bürgerversammlung im Dorf ein, wo ein offener Austausch stattfindet und Entscheidungen getroffen werden. Die Mehrheit entscheidet gemäß der Bedürfnisse der Menschen vor Ort. Unsere Gesellschaft ist basisdemokratisch strukturiert und als Verein registriert.

OKAZ: Welche Schwierigkeiten haben Sie zurzeit?

Tahri: Die Schwierigkeiten bestehen hauptsächlich im Konflikt mit der jetzigen Regierung, denn nach fast fünf Jahren erfolgreicher Arbeit und nachdem wir vieles geschafft haben und wir uns zu einem vorbildlichen Beispiel in Tunesien entwickelt haben, will die jetzige Regierung (1) die Oase wieder enteignen und zum alten System zurückkehren.

OKAZ: Was macht Ihr dagegen?

Tahri: Wir haben uns zum Widerstand bereit erklärt, sind aber auch verhandlungsbereit. Wir sagen ja zu einer Lösung, die dieses Projekt der Selbstverwaltung auf Basis der solidarischen Mikroökonomie erlaubt, und ja zur Adaptierung der Gesetze, dass so eine Sache möglich wird. Das Problem ist, dass wir von den Verantwortlichen in der Regierung widersprüchliche Aussagen hören und keine schriftlichen Zusagen erhalten. Darüber hinaus sind wir mit einer Medienkampagne konfrontiert, die falschen Behauptungen über uns und unsere Gesellschaft verbreitet. Die Konten der Gesellschaft und der Käufer der Datteln dieser Saison sind eingefroren. Wir sind bereit, alles zur Kontrolle offenzulegen und wir leisten viel Arbeit um die Sachverhalte klar zu stellen.

Erfreulich ist aber auch diese große Solidaritätsbewegung, die im ganzen Land entstanden ist und die uns den Rücken gestärkt hat. Der Wille zum Widerstand ist größer geworden und die Menschen in Jemna und der Region stehen alle hinter dem Projekt. Mittlerweile erhalten wir auch internationale Solidaritätserklärungen.

OKAZ: Welche Chancen und Perspektive sehen Sie für dieses Projekt?

Tahri: Jemna ist ein Symbol für den Erfolg der tunesischen Revolution geworden, denn unsere Revolution ist im Kern nicht nur politisch-demokratisch, sondern hat auch soziale Aspekte. Jemna zeigt, dass eine Kopplung der Demokratie mit dem sozialen Aspekt möglich und erfolgreich ist, die Menschen spüren in Jemna eine Veränderung, dort wo der Staat und das Regime für lange Zeit versagt haben. Wir können sagen, dass der Erfolg dieser Aktion in Jemna und die Nachahmung in anderen Regionen und Bereichen in Tunesien ein Garant für den Erfolg des Prozesses der tunesischen Revolution sind.

(1) Regierung der „Nationalen Einheit“ bestehend hauptsächlich aus Rechtsliberalen, Islamisten unter Beteiligung der Gewerkschaftlichen Bürokratie.

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