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Hegemonie I

Intellektualismus und Anti-Intellektualismus

9. April 2024
Albert F. Reiterer
Der österreichische Bildungsminister, die Bürokratie und die Intellektuellen

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Der Herr Polaschek erklärte am 8. Feber 2024 wieder einmal und nicht erstmalig, er wolle etwas gegen die „Wissenschaftsskepsis“ der österreichischen Bevölkerung unter­nehmen. Er „startet eine Kampagne zur Stärkung des Vertrauens in Wissenschaft und Demokratie“ (ORF), gründet eine „Plattform“ dafür. Der Hegemonie-Apparat ist begeis­tert und klatscht Beifall, an der Spitze der staatliche Rundfunk / TV, der „Gesamt-Propagandist“ des herrschenden Systems und seiner Träger. Man stellt sich gern in den Dienst der Macht. Schon hängen die ersten Plakate und sind in den öffentlichen Bussen die Botschaften von den Bildschirmen zu lesen. Eines ist ihnen noch nicht aufgefallen: Ist es nicht ein bisschen einfältig, eine Hegemonie-Krise mit Anzeigen- und Plakat-Kampagnen bewältigen zu wollen?

Nie seit 1945 war der direkte Griff der „Intelligenz“ nach der politischen Macht so klar wie in der Coronazeit. Aber ein beachtlicher Teil der Bevölkerung hat dies begriffen und leistete Widerstand. Die Psychologie des Regimes hatte mit einem solchen Widerstand nicht gerechnet. Umso größer war die Wut der politischen Klasse und ihrer Propagandi­sten. Ein kleines Stückchen von Verzweiflung mischt sich auch ein. Noch existiert das allgemeine Wahlrecht, und man will es nicht abschaffen. Aber die politische Klasse weiß, dass es davon abhängt, wer die Posten besetzt. Und die Ablehnung ist groß und wächst noch.

In den 1920ern, vor einem Jahrhundert somit, schrieb ein spanischer, ein kastilischer Intellektueller, in einer Mischung von Verzweiflung und Verachtung über die damals sich verschärfende Hegemoniekrise: „Die Masse weigert sich, Masse zu sein, d. h. der führen­den Minderzahl zu folgen, diesen erwählten Einzelnen…“ Ich wundere mich, dass die heutigen Intellektuellen und ihre Politiker sowie deren Sprachrohre nicht auf Ortega y Gasset zurückgreifen. Die „Linksliberalen“ denken zwar so, aber die meisten von ihnen wagen es nicht mehr oder noch nicht, eine so offene Sprache zu führen. Ab und zu klingt es aber doch deutlich genug durch, im „Profil“ oder im „Standard“ und im ORF. Bei uns will man die Hegemoniekrise noch mit Zeitungs-Anzeigen bekämpfen.

Ortega y Gasset wird bisweilen als faschistischer Theoretiker gesehen. Ein Missverständnis – dafür war er viel zu elitär. Der alte Faschismus hatte immer eine plebeische Komponente. Auf das greifen heutige Parteien wieder zurück, die ein bisschen mit ihm kokettieren, von der AfD bis zu Chega in Portugal. Wenn sie vom „Volk“ sprechen, klingt dies oft fast maoistisch. Das macht sie ja so unannehmbar für die Eliten, die Oberen Mittelschichten und die Intellektuellen, diese Möchtegern-Eliten.

Bildungsminister sind in Österreich seit Jahren Universitäts-Professoren: Sonja Hammer­schmidt, Karlheinz Töchterle, Beatrix Karl, Heinz Fassmann, Martin Polaschek. Das heißt, den Bock zum Gärtner machen. Es ist, als ob man René Benko zum Finanzminister machte. Ähnliches ist tatsächlich geschehen: Der Oberspekulant Mario Draghi wurde erst zum Chef der italienischen Nationalbank und dann zum Chef der Europäischen Zentral­bank bestellt. Es entspricht dem Prinzip des Korporatismus, das von den italienischen Faschisten, aber auch von den Austrofaschisten so hoch gehalten wurde. Nicht zufällig taucht das Wort wieder auf, als Neokorporatismus, einer politologischen Charakterisie­rung des Nachkriegssystems in Österreich, Deutschland und anderswo. Die Spezialinter­essen hätten ein hohes Fachwissen, wird behauptet. Man müsse darauf zurück greifen. In einer Demokratie sollten die Spezialinteressen doch wohl von unten kontrolliert werden.

Intellektuelle gehören heute zum größten Teil der Bürokratie an. Sie sind ein Teil von ihr, ein bürokratisches Unter-System, spezialisiert auf gewisse Aufgaben. Denken wir an die Universitäten, die Wissenschaft also. Die bilden eines der riesigsten Systeme des büro­kratischen Staats. Ihre Hauptaufgabe ist die Vergabe von Punzierungen, nach denen ihr Ausstoß, die Absolventen, in das Berufsleben eingeordnet wird. Diese Bildungsgrade (Magister, Doktor, …) sind Voraussetzung, dass die hoffnungsvollen Abgänger als A-Posten in die Verwaltungs-Bürokratie („öffentlicher Dienst“ nennt sich dies zynisch) ein­gereiht werden. Das ist für zwei Drittel der mit Diplom graduierten Hochschul-Abgänger (laut Statistik Österreich) das Berufsfeld. Daneben gibt es andere spezialisierte Randsys­teme, die sogenannte außeruniversitäre Forschung, z. B. das WIFO, das IHS oder ähnliche Anstalten. Auch sie arbeiten im Wesentlichen für den politischen Herrschafts-Apparat und sind somit als semi-staatlich zu klassifizieren. Sie alle sind Teil des Hegemonie-Apparats.

Diese enge Verwandtschaft von Bürokratie und Intellektuellen ist nicht nur institutionell bedingt. Sie haben ähnliche Grundformen des Denkens, der Annäherung an die Wirklich­keit. Es geht ihnen um die Systematik um jeden Preis. Alles muss unter einen Schimmel gebracht werden, sei dies theoretisch oder bürokratisch. Spontane Prozesse funktionieren anders. Vor gut vier Jahrzehnten schrieb Stephen Jay Gould, ein US-Paläontologe, ein hübsches Buch: Der Daumen des Panda. Biologische Evolution funktioniert, indem Sys­teme auf konkrete Herausforderungen konkrete Lösungen entwickeln, die aber keines­wegs immer verallgemeinert werden. – Erinnern wir uns: Marx war ein großer Bewun­derer von Darwin. Doch biologische Evolution ist nur ein Beispiel der Entwicklung von Systemen. Im abstrakten Jargon können wir sagen: Spontane („natürliche“) Evolution sucht immer lokale Optima, nicht allgemeine, die für Intellektuelle so attraktiv sind.

Hier müssen wir eine überaus wichtige theoretische Bemerkung einschieben. Der Unterschied zwischen “Natur“ und „Geschichte“ besteht darin, dass spontane Entwick­lung von sozio-kultureller, d. h. bewusster gesellschaftlicher Entwicklung zwar nicht ab­gelöst, wohl aber ergänzt und gelenkt wird (Planung). Geschichte ist nicht „naturnotwen­dig“. Aber es wäre gleichzeitig eine völlig unsinnige („idealistische“) Auffassung, zu glauben, man könne die Entwicklung drehen, wohin man wolle. Beide Trends, die alleinige Betonung der Naturnotwendigkeit und jene der beliebigen Formbarkeit, sind intellektualistisch.

„Wissenschaft“ wurde zum Codewort der neuen Klasse seit der italienischen Renaissan­ce. Und „Wissenschaft“ ist heute das zentrale Element der autoritären Ideologie und Poli­tik. „Wissenschaft“ betrieb Machiavelli, als er Livius studierte und in seinem „Fürsten“ seinen Auftraggebern, den Medici und anderen, damit ein Handbuch für ihre Herrschafts-Praktiken lieferte. „Wissenschaft“ wollte Leonardo da Vinci liefern („La pittura è una scienza“). Er freilich machte daraus einen Fetisch und zeichnete dabei das Bild seines eigenen Ehrgeizes. „Wissenschaft“ rufen in der Gegenwart die Drosten und Lauterbach, die von Laer und Mückstein und Kurz. „Wissenschaft“ schreit jetzt wieder Polaschek. Die Propagandisten dieser Schichten in ORF und dem Wissenschafts-Journal oe24 wiederholen es. Nehammer zweifelt schon ein bisschen, oder tut so. Aber Kogler glaubt immer noch, er kann damit Leute ködern. Und seine Truppe steht sowieso auf dem Stand­punkt der gefährlichsten Strömung der Gegenwart: „Follow science!“

Dahinter verbirgt sich Ehrgeiz und Machtgier. Mehr denn je ist „Wissenschaft“ heute die Kern-Ideologie der Bürokratie und der politischen Klasse, die sich bei ihrer Politik auf ihre „Experten“ stützen, auf ihre Nobelpreisträger.

Aber Wissenschaft war auch das häufigste Vokabel des Sowjet-Marxismus und der marxistischen Tradition überhaupt. Anstelle Kritik an diesem sozialen Herrschafts-System und dem kulturellen Hegemonie-Apparat zu üben, haben Marxisten voller Naivität stets die treuesten Gläubigen der Wissenschaft gestellt – unter der sie selbst am meisten zu leiden hatten. Sie haben nichts daraus gelernt, dass sie selbst von diesem Apparat ein ganzes Jahrhundert ausgeschlossen waren.

Eine neue Qualität hat die Berufung auf die Wissenschaft in der Zeit des Corona-Wahn­sinns erreicht. Die Politik dachte, von der Angst der Bevölkerung und gleichzeitig von der mittlerweile gut eingeübten Autoritäts-Hörigkeit – „die Experten“ – profitieren zu können. Dabei kam es sogar zu amüsanten Zwischenfällen. Fassmann wollte mehrmals den Forderungen der Eltern nachgeben und die Schulen wieder aufmachen. Da hatte sich ein Rest von unkontrollierter Vernunft gehalten. Aber Kurz hat ihn zur Ordnung gerufen und ihm die Wadl’n führe g’richtet. Er hat seine Chance gesehen und wollte sie nützen. Überhaupt wissen wir inzwischen, trotz geschwärzter Protokolle, Lauterbach und den Grünen, dass die politische Klasse teilweise noch stärker auf diese Angst-Strategie in den autoritären Staat gesetzt hat, als manche Wissenschaftler.

Schon dies Alles zeigt: „Wissenschaftsskepsis“ muss ein unerlässlicher Zug jeder poli­tisch-emanzipativen Tendenz sein. Wissenschafts-Kritik ist Ideologie-Kritik. Die aber ist die Grundlage jeder systemkritischen Arbeit.

Hier wird es dialektisch: Keine revolutionäre Bewegung ist bisher ohne Intellektuelle ausgekommen. Aber dies waren immer sehr kleine Gruppen gegen die übergroße Mehr­heit ihrer Zunftgenossen. Eine Debatte über Intellektuelle ist somit eine entscheidende politisch-theoretische Arbeit in einer Zeit, in welcher die Linke als Zukunfts-Bewegung so vollständig zusammen gebrochen und verschwunden ist, wie wir es seit zwei Jahrhun­derten nicht mehr kennen; in einer Zeit, in der Technokratie und Bürokratie vereint als „Wissenschaft“ und „Expertise“ offen nach der Macht in der Gesellschaft greifen. Die „Wissenschaft“, der Sachzwang, die Expertise bietet ihnen das Deckblatt für ihre Ambitionen. Die politische Klasse betreibt dies, weil sie die von Unten unkontrollierte Macht will und die Intellektuellen noch alle Male in die Tasche stecken kann.

Martin Polaschek: der Ex-Rektor der Grazer Uni macht sich Sorgen um die „Wissenschafts-Skepsis“ seit Corona, seit der Katastrophenpolitik der Regierungen und deren quasi-faschistischen Versuchungen… Nach den Ursachen kann er, als Muster eines akademischen Intellektuellen, nicht fragen.

Aber…

Plötzlich knirscht es in diesem Gebälk. Die Bürokratie und die politische Klasse werden von einer neuen Entwicklung überrascht. „Die“ Intellektuellen sind keine Einheit. Sie haben ihre eigenen Identitäten und Interessen, die nicht notwendig immer mit denen der Bürokratie zusammen fallen. Was ist geschehen?

Der Ansatz zu einem Völkermord hat die Allianzen durcheinander gebracht. Die politi­sche Klasse sowie die Bürokratie in Europa, vor allem in Deutschland, in Österreich und in den USA unterstützen diesen Völkermord. Und plötzlich treten da ganz frech gar nicht so wenige etablierte Intellektuelle auf. Bei Kunstausstellungen und sogar auf Universitä­ten sagen sie ganz offen „Völkermord“, in Anwesenheit von einer Kulturministerin.

Man glaubte, sich auf sie verlassen zu können. Nun werden plötzlich einige unter ihnen widerspenstig. Das kommt der Bürokratie nach den letzten drei Jahren völlig unerwartet. Das ist fundamental wichtig. Es zeigt die Dialektik in der Stellung der Intellektuellen. Die Mehrheit der Intellektuellen hat Interessen und Identitäten, welche sie bei der Bürokratie gut aufgehoben glaubt. Aber eine selbstverständliche und mechanische Übereinstimmung ist dies nicht. Die Bürokratie will eine Gefolgschaft ohne Wenn und Aber. Zur intellektu­ellen Identität gehört aber auch eine gewisse Ethik der Verantwortung. Und für viele – nicht für alle – widerspricht ein Völkermord dieser Ethik, wie immer man das Wort Ethik interpretiert und missbraucht. Diese eigenständige Haltung ist ein Anspruch von Intellektuellen, den man fragwürdig finden kann. Doch ohne diese Haltung hätte es keine Arbeiterbewegung und keinen Marxismus gegeben. Wir belassen dies hier dabei, werden aber noch darauf zu sprechen kommen.

Halten wir fürs Erste fest: Wir müssen anti-intellektualistisch sein. Aber wir müssen gleichzeitig vermeiden, antiintellektuell zu werden.

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