Wenn der Iran durchhält, dann schwächt es das imperialistische Zentrum qualitativ
Bereits mehrere Wochen leistet der Iran erfolgreichen Widerstand gegen die US-israelische Aggression. Von der geforderten bedingungslosen Kapitulation kann keine Rede sein. Im Gegenteil. Das anfangs deklarierte Ziel des Regime Change wird immer mehr in Frage gestellt – in Washington beginnt man nervös zu werden.
Was hat die Kraftprobe bisher ans Tageslicht gebracht?
1) Die imperialistisch-zionistische iranische Opposition um Pahlavi ist mit den Plänen eines bewaffneten Aufstands gescheitert. Selbst ein direktes Angebot der USA an die kurdische Führung hat diese nicht überzeugt, weil das einem Selbstmord gleichkommen würde.
Die Bewegung geht in die andere Richtung. Bedeutende Teile der liberalen und linken städtischen Mittelschichten, die bisher die Massenbasis der Opposition bildeten, haben sich angesichts des imperialistischen Angriffskriegs für die Verteidigung ihres Landes ausgesprochen. Ihre Systemopposition ist in den Hintergrund gerückt.
Es gibt leise Anzeichen dafür, dass die Regierung sie gewähren lässt. Doch das muss sich noch bestätigen.
Je stärker diese demokratische Opposition sich für das Überleben des Landes einsetzt, desto eher hat sie nachher einen Hebel für inkludierende Reformen.
Die Front gegen den äußeren Angriff äußert sich in eindrucksvollen Massendemonstrationen, die von der Unterstützerbasis der Islamischen Republik getragen werden. Während die US-Führung die iranische Elite als Ratten, die sich in ihren Löchern versteckten, verhöhnte, tummelten sich diese wie Fische in der Masse – eine unglaubliche Machtdemonstration.
Zwar gelang es dem „Terrorduo“ USA und Israel wesentliche Führungspersönlichkeiten zu ermorden, doch diese wurden schnell ersetzt – wiederum ein Zeichen der Stärke der Islamischen Republik, die Trump verzweifeln lässt.
2) Es ist dem Iran gelungen sehr schmerzhaft mit Drohnen und Raketen zurückzuschlagen. Insbesondere erfolgreich waren die Angriffe auf US-Militäreinrichtungen in den Golfstaaten. Es werden nicht nur Schäden in Milliardenhöhe berichtet, sondern auch eine faktische Schwächung der Funktionsfähigkeit bei den Leit- und Abwehrsystemen, der Basis der US-israelischen militärischen Überlegenheit.
Die USA können weder ihre eigenen Einrichtungen am Golf schützen, geschweige denn, dass sie weichere Ziele wie die Erdölindustrie und den Energiesektor verteidigen könnten. Politisch gesehen ist die US-Militärpräsenz zu einem formidablen Faktor der Unsicherheit des gesamten Geschäfts- und damit Gesellschaftsmodell der Separatstaaten am Golf geworden. Eine Katastrophe für die überkommenden prowestlichen Monarchien.
3) Überall, wo es in der arabischen Welt starke schiitische Bevölkerungsanteile gibt, ist es zu Massenmobilisierungen in Solidarität mit dem Iran gekommen, insbesondere in Bahrain, wo – wie im Arabischen Frühling – saudische Truppen den Volkaufstand im Zaum halten mussten. Einzige Ausnahme ist der Libanon, der unter einer direkten massiven israelischen Aggression zu leiden hat – aber dazu separat.
4) Im Irak greifen proiranische schiitische Milizen direkt US-Einrichtungen an und zwar auch aus der unmittelbaren Umgebung. Das hat dazu geführt, dass die europäischen NATO-Truppen ganz aus dem Irak abgezogen wurden. Die Symbolwirkung ist bedeutend. Es wird aber auch US-Personal aus dem US-Machtdispositiv abgezogen. Das politische System des Landes an den zwei Strömen ist über die Frage gespalten, aber die proiranischen Kräfte haben eine starke Präsenz und dominieren die Regierung.
5) Israel greift den Libanon massiv an und schickt auch Bodentruppen. Der Terrorstaat führt nicht nur gezielte Morde an Führungsfiguren des Widerstands durch, sondern bombardiert auch zivile Ziele. Fast ein Viertel der Bevölkerung wurde bisher vertrieben. Mehrfach haben die Kolonialisten damit gedroht, aus dem Südlibanon ein zweites Gaza zu machen und ihn zu annektieren. Doch die politisch-militärische Bewegung Hisbollah leistet Widerstand. Nicht nur, dass sie in unerwarteter Weise wieder Raketen gegen den Aggressor abzufeuern in der Lage ist. Sie hat den Guerillakrieg gegen die Invasoren wieder aufgenommen und ihnen politisch wichtige Verluste zugefügt. Doch das politische System im Libanon, in den letzten Jahren von den alten Eliten wieder unter Kontrolle gebracht worden war, ist überwiegend gegen den Widerstand, der von der Hisbollah repräsentiert wird.
6) Im Jemen halten die Houthis gegenwärtig noch still. Sie haben aber mehrfach gedroht in den Krieg einzugreifen und den Zugang zum Suezkanal zu sperren, wie sie es während des akuten Völkermords in Gaza schon getan haben. Das bleibt ein Trumpf in den Karten Teherans.
7) Die Situation der Palästinenser bleibt katastrophal. Der zionistische Staat setzt im Schatten der Aggression gegen den Iran insbesondere im Westjordanland die koloniale Landnahme fort.
8) Der Iran hat die Mehrzahl seiner Angriffe auf den Golf gerichtet. Doch viele Hundert Vergeltungsschläge haben auch Israel getroffen. Der Abwehrschirm der Zionisten funktioniert jedenfalls nicht vollständig, nicht so wie es der Apartheidstaat seinen Siedlern versprochen hat und dem Iran signalisieren wollte, dass Gegenwehr sinnlos sei. Dem Iran gelang es auch hochwertige militärische Ziele zu treffen. Das gesamte Ausmaß der Vergeltung wird wohl erst später, wenn überhaupt, ans Tageslicht kommen. Auch wenn die Mehrheit der Israelis auf Kriegskurs bleiben, so geht dennoch die Angst um.
9) Sobald es doch zu Schäden an hochwertigem amerikanischen Kriegsgerät kommt, dann wird das von der Propagandamaschine mit „technischem Versagen“ oder „friendly fire“ begründet. Auf dem größten Flugzeugträger der Welt, der USS Gerald R. Ford, kam es zu einem Brand. Das Schiff, das mehrere dutzend Milliarden Dollar in der Anschaffung kostete und dessen Betrieb mit 13 Million pro Tag zu Buche schlägt, musste aus dem Einsatz genommen werden. Ein absoluter Schock für den militärisch-industriellen Komplex stellt der Teiltreffer auf einen F35-Kampfjet dar, dem Highend-Produkt, das allen anderen qualitativ überlegen sein soll. Laut US-Kriegsmedien soll die iranische Luftabwehr ja eigentlich schon nicht mehr vorhanden. Dennoch gelingt ihr dieser Schlag? Eine Entzauberung der militärisch-technischen Machprojektion der USA mit großer politischer Bedeutung.
10) Vielleicht systemisch noch bedeutender ist die Asymmetrie beim politisch so wichtigen „Schutzschirm“ gegen Drohnen und Raketen, der die Illusion aufbauen soll, dass Vergeltung unmöglich sei. Abgesehen von der mangelhaften Funktion, sind die Abfangraketen um ein Vielfaches teurer als die abzufangenden Fluggeräte. Zudem sind die Mengen begrenzt. Man wird sehen, welche Seite länger durchhalten kann. Doch allein, dass die US-israelische Überlegenheit nicht sonnenklar ist, muss als iranischer Erfolg gewertet werden.
11) Der wahrscheinlich wichtigste politisch-militärische Erfolg des Iran ist die Sperre der Straße von Hormus, der Aorta des internationalen Petroleumhandels. Die Öl- und Gaspreise sind enorm angestiegen und machen den USA an der Heimatfront und bei den Verbündeten Probleme.
Die Aggressoren haben auch die Ölinfrastruktur des Iran angegriffen. Doch die iranische Vergeltung war sehr erfolgreich und hat viele Produktions- und Transportanlagen der US-Vasallen am Golf beschädigt oder zerstört.
Trump hat mehrfach verlauten lassen, dass er hier nicht weitermachen will, um die Ölversorgung der Welt nicht mittel- und langfristig zu gefährden. Es war bisher das einzige Mal, dass er die israelische Kriegsführung kritisiert hat, wie sie das gezielt tat.
Die USA haben mit allem möglichen gedroht, um die Sperre aufzuheben – bisher ohne Erfolg. Niemand der Verbündeten hat sich zum Entsatz bereit erklärt.
Wie groß das Fiasko ist, zeigt sich daran, dass der Iran sehr wohl Schiffe von befreundeten Staaten und/oder gegen Gebühr passieren lässt. Und noch mehr daran, dass die USA das Handelsembargo nicht nur gegen russisches, sondern sogar gegen iranisches Öl aufgehoben hat – ein Szenario, das niemand vorauszusagen gewagt hätte.
12) Im wesentlichen sind die USA und Israel mit ihrer Aggression isoliert geblieben. Nur Großbritannien ist halb mitgezogen, mit viel Widerstand im Land. Der sonst treueste Vasall, Deutschland, hält sich heraus. Und Spanien hat sogar offen opponiert und die Nutzung seiner Militärbasen untersagt.
13) Selbst in den USA spricht man bereits unmittelbar nach Beginn vom unpopulärsten Krieg. Insbesondere ein Teil der MAGA-Basis hat sich abgewandt und kritisiert was sie „Israel first“ nennen. Auch in den Militär- und Geheimdienstapparaten gibt es wachsende Skepsis, die sich schon in Rücktritten Luft macht.
Auf der anderen Seite muss festgehalten werden, dass die Unterstützung durch Russland und China für den Iran verhalten geblieben ist. Sie hätten die Mittel gehabt, die iranische Verteidigung auf ein qualitativ höheres Niveau zu heben. Doch das haben sie nicht gewagt und sich strategisch anders entschieden.
BRICS kann keine Rolle spielen, denn Indien hat sich auf die Seite des Aggressors gestellt, auch wenn es das Ölembargo gegen Russland nicht mitträgt. Auch viele anderen Staaten der BRICS schauen lieber zu, um nicht selbst Opfer zu werden.
Man sollte nicht vergessen, dass sich die Militärausgaben des Iran in der Größenordnung von 1-2% des kombinierten Kriegsbudgets der USA und Israels bewegen. Das steckt letztlich mit den Rahmen des Möglichen und Unmöglichen ab.
Perspektiven des Krieges und der Weltordnung
Eines ist sicher – bis dato bleibt die Schlacht unentschieden und der Einsatz wird immer höher. Wer sich zurückzieht, hat verloren, doch je länger es dauert, desto größer wird der erlittene Schaden:
Was Israel betrifft, so kennt der Militärstaat keine Grenzen, auch nicht was die militärische Eskalation betrifft, solange sie die USA auf ihrer Seite wähnen. Die ultima ratio ist mit Sicherheit der Einsatz von Atomwaffen gegen den Iran – damit könnte die erwünschte absolute Überlegenheit hergestellt werden, selbst mit dem Risiko einer globalen Konflagration. Das Motto: wer zuerst den roten Knopf drückt, der wird obsiegen.
Für die USA stellen sich die Dinge erheblich anders dar. Denn Washington muss ein Empire aufrechterhalten, das nicht nur mit militärischer Gewalt zusammengehalten werden kann. Der Einsatz überlegener militärischer Macht muss für den Aufbau und Erhalt tragfähiger politischer Vasallenregime genutzt werden. China und Russland müssen kleingehalten werden, nicht nur militärisch, sondern auch politisch. Zudem gibt es im Gegensatz zu Israel in den USA einen erheblichen Bevölkerungsteil, die dem permanenten Krieg für das Empire nicht haben oder nicht zahlen will. Mit deren Stimmen hatte Trump einst die Wahlen gewonnen.
Was immer Trump macht, er wird mit Sicherheit „Sieg“ schreien. Doch das heißt nicht viel.
Trump könnte mit dem Bombardements aufhören und mehr oder weniger still ein paar Zugeständnisse anbieten, um die Straße von Hormus aufzubekommen. Die Isolierung des Iran könnte vielleicht an abgeschwächter Form aufrecht erhalten bleiben. Dagegen spricht, dass dann der ganze Krieg umsonst gewesen wäre, dass eine gewisse Kräfteverschiebung zugunsten Teherans hingenommen werden müsste und das Signal an die Welt lautete, dass Widerstand, verbunden mit hohen Kosten, möglich ist. Eine Unterspülung des American Empire würde es jedenfalls bedeuten. Israel und seine Kräfte in den US-Apparaten würden gegen diese Option aufstehen.
Oder sie setzen das Bombardements über Wochen und Monate fort, mit der vagen Hoffnung, dass der Islamischen Republik doch die Luft ausgeht und sie kapituliert. Doch zeichnet sich das in keiner Weise ab. Funktioniert das nicht, so könnten die politisch-militärischen sowie ökonomischen Kosten dafür sehr hoch werden, in der Region genauso wie für den Westen selbst. Wenn die USA dann nach so einer verlängerten Aggression aufgeben müssten, wäre das Empire noch viel stärker beschädigt.
Die Drohung mit Bodentruppen hat nicht viel Substanz und einmal nur symbolische Wirkung in sehr begrenzten Bereichen. Denn was im Irak schon nicht funktioniert hat, kann im Iran überhaupt nicht gehen. Weder die USA noch Israel haben für ein Besatzungsregime die dafür notwendige Armee. Zudem muss mit einem zermürbenden Guerillawiderstand gerechnet werden, wie damals im Irak.
Bleibt die nukleare Option, die aber Russland und China in den Konflikt hineinzwingt. Reagierten diese nicht, würden sie die absolute Vorherrschaft der USA, gegen die sie antreten, akzeptieren.
Sollte die Regierung nach einem langen Bombardement (eventuell eben auch nuklear) mit starker Zerstörung der Infrastruktur und Niedergang des Lebensstandards doch fallen, dann ist eine Machtübernahme durch Pahlavi oder andere proimperialistische Kräfte unwahrscheinlich. Zu stark ist die Unterstützung für die Landesverteidigung, ob national oder religiös, zu stark ist das antiimperialistische Moment im Volk. Eine solche Aggression schweißt zusammen. Das könnte in einen Bürgerkrieg und Staatszerfall münden, wie es in vielen anderen Ländern schon der Fall ist. Das mag für das Empire auf das kleinste Übel hinauslaufen, doch ideal ist das für Washington keineswegs. Es bringt Instabilität und schafft Raum für Feinde, die asymmetrisch kämpfen. Es kann potentiell auch die Volksmassen in Bewegung setzen. Ein Spieler wird in einem solchen Szenario sicher der heutige Regierungsblock sein, der eine tiefe soziale Verankerung in gewissen Teilen der Bevölkerung vorweisen kann.
In Summe ist eine Niederlage der USA durchaus möglich. Das bedeutet nicht das Ende des US-Empires, aber dessen Schwächung. Damit würden auch die Spielräume für oppositionelle Kräfte größer werden, genauso wie für die diversen Regionalmächte und auch für die potentiellen globalen Gegengewichte gegen die USA, Russland und China.
Was sich unter unseren Augen abspielt, ist nur eine Schlacht in einem langen Krieg mit vielen Schauplätzen in der gesamten Region. Ohne die Einbeziehung der Völker, der unteren Schichten, der Volksmassen in ihrer Diversität ist es nicht leicht dem Imperialismus die Stirn zu bieten und schon gar nicht gesellschaftliche Alternativen aufzubauen, die die Dämpfung und Lösung der inneren Konflikte erfordert, genauso wie ein sozioökonomisches Entwicklungsprojekt gegen den imperialistischen Kapitalismus und seine lokalen Vertreter.
Wenn die USA geschwächt werden, dann wird es auch Trump. Das bereits manifeste Moment zur Spaltung des Trumpismus und zur Bildung eines elitenferneren Flügels würde befeuert, was auf der anderen Seite auch Einfluss auf Phänomene wie Mamdani etc. hätte. Die in Sinne einer gerechteren Weltordnung notwendigen Konflikte in der US-Gesellschaft würden sich verstärken. Imperialistische Abenteuer wie gegen Venezuela bleiben natürlich möglich, aber die Ausgangsbedingungen beispielsweise für Kuba würden sich verbessern.
Das gleiche gilt für Europa, einschließlich der zentrifugalen Kräfte in der EU.
Für emanzipatorische Kräfte demokratischer, sozialen und neo-sozialistischer Art sind die Niederlage der USA und Israels, oder besser eine lange Serie von solchen Niederlagen, der entscheidende Schlüssel für die Zukunft. Darum müssen wir alle auf der Seite des Irans stehen. Und selbstverständlich auch auf jener der Palästinenser sowie aller Kräfte und Völker der Region, die gegen den Imperialismus Widerstand leisten.
Wilhelm Langthaler
23. März 2026