20 Jahre nach dem NATO-Bombardement

25.03.2019
Beitrag von Slobodan Reljic, serbischer Journalist, ehemaliger Chefredakteur des politischen Magazins NIN und Soziologe

 

Das Bombardement der NATO gegen die Serben (24.März bis 10 Juni) 1999 hat von Anfang an Übelkeit ausgelöst. Eine planetarische Übelkeit. An die Front gingen Krieger, hinter denen die gesellschaftliche Produktivität 860:1 stand. Gegen ein kleines Land 19 gewaltige, vereint in einem am besten ausgerüsteten militärischen Bündnis. Es stellt ein technologisch-militärisches Verhältnis dar wie etwa die Kopfjäger mit dem Gewehr gegen die Opfer mit Pfeil und Bogen.

Für diesen Krieg fehlte nicht nur die Zustimmung des UN-Sicherheitsrates, sondern auch die elementare Zustimmung der Völker.

Entgegen den Behauptungen der NATO, dass die Bombardierung im Namen der `internationalen Gemeinschaft ´ durchgeführt wurde, hat die Befragung der öffentlichen Meinung im April 1999, die im Economist erschienen ist, ergeben, dass es eigentlich einen Widerspruch in den NATO-Mitgliedsländern gab, auch wenn die Frage, auf der die Umfrage beruhte, die Wahrheit verzerrte: `Sind Sie für oder gegen die Entscheidung der NATO, die serbischen militärischen Ziele zu bombardieren?` Ein Drittel oder mehr war in Kanada, Polen, Deutschland, Frankreich und Finnland dagegen; gerade einmal die Hälfte war in Ungarn dafür und genau die Hälfte der Befragten in Italien. In der Tschechischen Republik waren zwei Drittel dagegen. In Russland waren 94% dagegen, in der Ukraine 89%, in der Slowakei 75%. China und Indien waren zweifellos gegen die Bombardierung, in Griechenland, einem NATO-Mitglied, waren 99,5% der Bevölkerung gegen den Angriff. Auch in den USA, entgegen der medialen Verschwiegenheit der Geschehnisse und der zweifellosen Unterstützung des Angriffs, war die Unterstützung unter 50%.

Serbien wurde nicht durch den Westen angegriffen, sondern durch die westliche Oligarchie. Bei der Befragung haben die Bürger auf die Frage `Wer sind die kriegführenden Kriminellen in diesem Krieg?´ mit 69% Bill Clinton betitelt, mit 35,2% Tony Blair. Slobodan Milosevic wurde von nur 14% der Befragten so eingeordnet, gefolgt von Wesley Clark (13%) und Javier Solana mit 9,6%. Ein Jahr nach dem Krieg haben sich Vertreter aus 133 Ländern versammelt, die sich vehement gegen die Begründung des Krieges gewendet haben: das Recht auf eine „humanitäre Intervention“.

Auch die Intellektuellen waren in ihrer Haltung geteilt: Auf der einen Seite standen Susan Sontag, Salman Rushdie und der tschechische Präsident natürlich Vaclav Havel. Tariq Ali hat später diese pro-kriegerischen Literaten als „the belligerati“ bezeichnet. Auf der anderen Seite standen Menschan mit Haltung: Alexander Solschenizyn, Harold Pinter, Mikis Theodorakis, Peter Handke und Nelson Mandela.

In Serbien ist vor kurzem die dritte Ausgabe des  zweibändigen Buches „Die Serben im Narrativ des Westens – die humanitäre NATO-Intervention“ erschienen, wo auf 900 Seiten Aussagen der Arroganz, Ehrlosigkeit und anti-zivilisatorischer Rechtlosigkeit von Menschen ausgebreitet werden, die aus Ländern kommen, wo angeblich „Recht herrscht“.

Hinter dem brutalen Bombardement stand ein beängstigendes Propaganda-Bombardement, das die Identität eines europäischen Volkes und den eigenen (europäischen) Standpunkt sinnlos zerstörte.

Die Gründe für einen derartigen politischen Wahnwitz wurden im Westen niemals vernünftig erläutert, aber die Resultate wurden noch im Laufe der Hysterie offenbart. Am letzten Tag im Mai 1999 hat Henry Kissinger im Newsweek einen Text veröffentlicht mit dem Titel „New World Disorder“. Im Untertitel stand „unrichtig durchdachter Krieg im Kosovo hat das Verhältnis von China mit Russland unterwandert und die NATO einer Gefahr ausgesetzt“.

Kissinger äußert sich in diesem Artikel verwundert, dass in Washington irrgläubig davon ausgegangen wurde, dass dieser Krieg nur ein paar Tage andauern würde und dass sich niemand gefragt hat: „Was wird sein, wenn Serbien, ein Land das gegen das osmanische und österreichisch-ungarische Imperium gekämpft hat, das Hitler und Stalin am Höhepunkt ihrer Macht getrotzt hat, nicht nachgibt? Wie weit werden wir gehen? Ohne Bodengefechte, was ja gleich zu Beginn angekündigt worden war, haben wir Milosevic dazu gebracht, das Durchhaltevermögen eines unaufhörlichen Bombardements zu testen.

Es war kein großes Dilemma wie das NATO-Bombardement wohl in Russland aufgefasst werden würde. Solschenizyn wird später im Spiegel-Interview sagen, dass in Russland „dieses verrohte Bombardement Serbiens einen schwarzen, unverbesserlichen Strich durch das Verhältnis zum Westen gezeichnet hat – und in Wahrheit müssen wir sagen das betraf alle Schichten der russischen Gesellschaft.“

Aber als noch der Rauch aus der durch die Bombardierung zerstörten chinesischen Botschaft in Belgrad aufstieg, wusste Kissinger, dass „die guten Beziehungen zwischen China und den USA in Frage gestellt wurden“.

 Und dass dies „für die USA ein Chaos in ganz Asien anrichtet, das die chinesischen Nachbarn in eine Lage zwingen, zwischen einem Land zu wählen mit der höchsten Bevölkerungszahl auf der Welt und einer 5.000 Jahre alten Geschichte, die China einen besonderen Platz in Asien zuweist und den USA der einzigen Supermacht der Welt.“

Und die NATO? „Entgegen der vorrausehbaren Einheit auf dem NATO-Treffen, wird der Kosovo die Frage über die Zukunft der Allianz wohl unvermeidlich machen“, schrieb Henry Kissinger im Mai 1999.

Dieser Tage anlässlich der 20 Jahre seit der Bombardierung Serbiens durch die NATO erschien im Foreign Policy ein Artikel der mit einer nachträglichen Ratio das gleiche konstatiert. Mit der üblichen westlichen Blindheit wird so auf die Frage geantwortet, warum der Kosovo-Konflikt noch andauert: „Der Krieg im Kosovo war kurz (nur drei Monate), aber es war kein kleiner Krieg. In seiner fundamentalen Wirkung war er der Urheber einer neuen internationalen Politik.“

Wenn man in Serbien lebt und das von außen sieht, so kann man sich nicht genug wundern über die westliche Arroganz der Macht. Sie haben einen derart fundamentalen Fehler begangen und dann bessern sie ihn ganz unverblümt aus, indem sie mit allen Mitteln aus dem Kosovo einen eigenen Staat machen, entgegen dem internationalen Recht und  der UN-Resolution 1244, die sie selbst auch angenommen haben. Sie machen einen Staat aus einem Teil des serbischen Territoriums und gegen einen wesentlichen Teil der serbischen Identität, auch wenn sie sich nach dem Wahnwitz und Terror, den sie angerichtet haben mit der Realität konfrontieren sollten. Dieser Staat entsteht aus einer kriminellen Struktur heraus, deren grundlegende Arbeit auf dem Transfer von Heroin fußt und aus diesem Transfer wurde auch die Bildung und Ausbildung der terroristischen UCK in militärischen Camps im Westen finanziert!

Wohin führt das diese Welt?

Deswegen verstehe ich den Untertitel dieses Symposiums „Gibt es eine Zukunft auf dem Balkan?“ als eine Folge des Hyper-propagandistischen Bombardements durch Jamie Shea (er hat das Wort „Kollateralschaden“ erfunden, Anm. Red.), aber auch viele Jahrzehnte andauernde Minieren von Tausenden Kollaborateuren entlang der westliche Hemisphäre. Ich verstehe die Absicht der Organisatoren ganz im Gegenteil: sie ist häretisch in Bezug auf den Mainstream.

Und deswegen würde ich mich eher fragen: Gibt es eine Zukunft in Europa? Der Balkan ist lediglich nur ein Minenfeld, Europa ist der Einsatz.

Während der NATO-Aggression hat Die Zeit eine Beilage zur Kanonade der Propaganda veröffentlich, und zwar von niemand geringerem als vom Primas des neoliberalem Intellektualismus, Jürgen Habermas. Ein Mann der Frankfurter Schule, einer äußerst durchdachten Kritik des Spätkapitalismus, verblieb im Chorus der öffentlichen Meinung für den Krieg, aber ein Satz (nur ein Satz!) fiel ihm aus dem Rahmen, der heute wie eine tief durchdachte Weissagung wirkt: „Was werden wir wohl eines Tages sagen, wenn das Militärbündnis in einer anderen Region, zum Beispiel in Asien, den militärischen Weg der Durchsetzung von Menschenrechten wählt, die auf einem völlig anderen, nämlich den eigenen Auslegungen des internationalen Rechts oder der UN-Charta fußt?“

Der Westen lehnt es ab, sich mit dieser immer realer werdenden Möglichkeit auseinanderzusetzen, die tatsächlich und wirklich nur die Antwort auf seine Politik der Gewalt ist. Der Westen ist auch weiterhin nicht dialogfähig. Im Gegenteil.

Ein schönes Beispiel dafür ist die Transformierung des österreichischen Vizekanzlers Heinz-Christian Strache. Strache und seine Partei waren während der Hysterie auf der Gegenseite von Alois Mock, Bill Clinton oder Tony Blair. Es dauerte ein Vierteljahrhundert, um das zu gewichten und hier ist er nun – an der Macht. Aber als er in die Haut des Vizekanzlers schlüpfte, da begann Strache plötzlich, sich wie Mock zu gebärden. Als der Westen vor ein paar Monaten bemüht war, das kriminelle Establishment des Kosovo in die Mitgliedschaft von Interpol zu schieben (es würde wie ein Monty Python-Witz wirken, wäre die westliche Öffentlichkeit noch gesund!), da half Strache dem Kosovo, auch wenn er zu Beginn seines Aufstiegs versprochen hatte, dies nicht zu tun.

Er hatte auch dafür eine originelle Erklärung: „Serbische Interessen dürfen nicht vernachlässigt werden, aber ich kann keine serbische Politik führen, sondern eine österreichische.“

Es sieht ganz so aus, als ob in der demokratischen Welt ein Politiker keine Haltung bewahren kann. Wie kann es sein, dass Strache und die Politik seiner Partei serbische Interessen vertritt? Ich wüsste nicht einen Serben, der erwarten würde, dass ein österreichischer Vizekanzler die serbische Politik führt.

Aber ist es möglich, dass auch Menschen, die die Sinnlosigkeit des NATO-Bombardements erkannt hatten, nach ihrer Machtergreifung die gleiche Politik weiterführen wie diejenigen, die zuvor Europa in dieses gefährliche Abenteuer geführt hatten?

Gibt es dafür eine Erklärung?

Ja, es gibt eine.

Diese bringt uns ein Deutscher, der sich in dieser bösen Zeit entschieden hatte, ein Ketzer zu werden in der „Politik der Korrektheit“. Willi Wimmer hat im Jahr 2000 an einer vom State Department der USA und dem American Enterprise Institute getragenen Konferenz in Bratislava teilgenommen, wo in geschlossenen Sitzungen erklärt wurde, dass „der Krieg gegen die Republik Jugoslawien geführt wird, um die zu voreilig geäußerten Entscheidungen von Eisenhower (in Teheran und auf Jalta) wieder zu revidieren. Aus strategischen Gründen musste diese Entscheidung zurückgenommen werden: eine Stationierung von US-Soldaten habe aus strategischen Gründen in dieser Region nachgeholt werden müssen. Um dies aber durchführen zu können, müsse „Serbien dauerhaft aus der europäischen Entwicklung ausgeschlossen werden.“
Ich betone das Wort „dauerhaft“.

Es würde wohl wie eine Verschwörungstheorie aussehen, wenn es nicht tatsächlich so wäre!

Übrigens, die Ausführungen aus dem Brief von Willi Wimmer an den damaligen Kanzler Schröder hat nie jemand dementiert. Niemand hat behauptet, dass das, was Wimmer schreibt, unrichtig sei oder dass die Vorhaben suspendiert worden seien. Genauso wenig hat je jemand gemeint, dass man sich mit diesen Vorhaben auseinandersetzen müsse.

Der Westen hält sich offenbar an dieses „geheime Curriculum“. Anstandslos setzt er die schwächlichen serbischen Politiker einem System der kolonialen Demokratie und einem wirtschaftlichen Terror aus, der dem Washingtoner Konsenus über die Finanzinstitutionen folgt. Das ist die westliche Politik „des tiefen Staates“ oder des Staates im Staat. Strache und Co. sind (wir hoffen, nur jetzt einmal) frisches Blut für das alte Böse.

Das NATO-Bombardement Serbiens ist noch nicht zu Ende. Aber es wird immer mehr zu einer engen Schlinge um den Hals Europas.