Nation Österreich – Neutralität gegen Großmachtwahn

Details
Date: 
Mittwoch, 25. October 2017 - 18:00
City: 
Wien
Ort wird noch bekannt gegeben
Diskussion, 25. Oktober 2017 18:00 – 22:00

Moderation: Andrea Komlosy, Professorin am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte Uni Wien

Diskutanten:

Ernst Bruckmüller, em. Prof. Univ. Wien, ÖAW
Wilfried Garscha, Historiker, Mitarbeiter der Alfred Klahr Gesellschaft und des DÖW
Albert F. Reiterer, Demograph und Sozialwissenschaftler, Wien und Innsbruck

„Der Staat, den keiner wollte“ (H. Andics), der „Staats wider Willen“ (W. Lorenz): noch tief in der Zweiten Republik finden wir diese Phrasen. Die Eliten und ihre Intellektuellen wollten die Republik Österreich nicht, als der Habsburgerstaat zerfiel; ein Großteil der Bevölkerung aber umso mehr. So richtete die politische Klasse Österreich damals zu Grunde. Sie wollte den Kleinstaat nicht und trauerte einer Großmacht nach. Da es nicht mehr der Habsburgerstaat war, sollte es das Deutsche Reich sein, welches bald zum Dritten Reich wurde.

Wiederholt sich die Geschichte? Gegen „Verzwergung“ und „Kleinstaaterei“ eiferte der neue umstrittene Bundespräsident, typischer Weise im Ausland. Nur Deutschland traut er sich noch nicht anzurufen. Er sagt dafür „Europa“.

Die Nation Österreich hatte in der Ersten Republik zwei ideologische Vorläufer: den Kommu­nisten Alfred Klahr, und den paradoxen Katholiken Ernst Karl Winter. Beide wollten von Großdeutschland nichts wissen. Aber der eine berief sich auf Lenin und Stalin und handelte sich Hohn von den Sozialdemokraten ein. Der andere aber fand seinen Bezug zwar in der Großmacht des barocken Österreich, aber auch im kleinen Herzogtum Rudolf des Stifters. Was wunder, dass ihm die großdeutschen Professoren in Wien die Habilitation verwehrten.

1945 wollte sogar die politische Klasse mit Deutschland nichts mehr zu tun haben. Sicher, da gab es Widerstände in der Sozialdemokratie. Aber man wollte nun selbständig und frei sein.

Die Neutralität wurde Österreichs Politik von Außen aufgedrungen. Aber die Bevölkerung griff schnell mit beiden Händen danach. Sie wurde zur eigentlichen Doktrin und zum Symbol des neuen Österreich. „Macht euren Dreck alleene!“ rief sie den Aggressoren, den Groß­macht-Nostalgiker, den Weltpolitikern zu.

Die Neutralität ist heute eine Ruine. Unsere politische Klasse, ihre Beamten und Intellektuel­len schwärmen wieder von der Machtpolitik, in Serbien und Kosovo, in der Ukraine, auch in Syrien.

Und wir?

Nation Österreich, kann das noch eine Losung sein? Und was heißt es?

Die Nation entstand vor zwei Jahrhunderten als Großmacht-Konzept. Die Alldeutschen, die Panslawisten, später die Panturanisten und Mussolinis neue Römer – alle wollten sie viele Millionen hinter sich zwingen, ob diese Millionen wollten oder nicht. Diese Tradition führt heute die EU ungebrochen weiter.

Aber schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden immer mehr „Kleine Nationen“ (M. Hroch). Und die vertraten eine diametral andere Nation: ein politisches Projekt der Selbstbestimmung und der Demokratie: die Norweger, die Griechen, damals auch die Finnen, später die Tschechen, usw. In diese Tradition stellten sich, spät aber doch, die Österreicher in ihrer großen Mehrheit.

Dieses alt-neue Nations-Konzept müssen wir in Erinnerung rufen. Es ist ein politisches Projekt der Demokratie, des Sozialstaats und der Inklusion: gegen Globalismus, aber für Internationalismus und Selbstbewusstsein.

Veranstalter: Personenkomitee Euroexit, Solidarwerkstatt