Revolutionäres Subjekt

23.10.2017
Nachlese zu einer Veranstaltung im Volkshaus Graz, 20. Oktober 2017: 100 Jahre Oktoberrevolution
Von Albert F. Reiterer
Ein Konzept, seine Fragwürdigkeit und seine Unentbehrlichkeit; Plebeisierung

Als Lenin im April 1917 nach Russland zurück kehrte, bestanden in Petrograd und auch in anderen Großstädten bereits Arbeiter- und Soldatenräte. Aber die Mehrheit in diesen Räten hatten die Sozialrevolutionäre und Menschewiki. Kerenski konnte sich durchaus auf sie stüt­zen und hatte selbst eine wichtige Funktion im Petrograder Sowjet. Erst nach mehreren An­läufen schafften es die Bolschewiki, gegen Ende August in Petrograd und in Moskau, in den Sowjets die Mehrheit zu erringen. Nun nahmen sie, oder vielmehr ihre entschlossene Gruppe um Lenin, Kurs auf den bewaffneten Aufstand, auf die Oktober-Revolution. Auf diesen Punkt, auf die Mehrheit in den Räten, hat auch Trotzki später immer wieder hingewiesen, und er gilt in der Linken weiterhin als entscheidend.

„Die führende Rolle des Proletariats ist klar zutage getreten. Zutage getreten ist auch, dass seine Kraft in der geschichtlichen Bewegung unermesslich größer ist, als sein Anteil an der Bevölkerung“ (Lenin III, 17). Das ist ein überaus wichtiger, aber auch ein überaus gefährli­cher Satz. Er scheint im Vorwort zur 2. Auflage 1907 des umfangreichsten Werkes auf, das Lenin veröffentlicht hat. Zum Einen weist Lenin darauf hin, dass die industrielle Bevölkerung nur 10 % der Gesamtbevölkerung im Zarenstaat ausmacht. Zum Anderen allerdings kommt er zum Schluss, dass proletarische und halbproletarische Schichten die Hälfte stellen. Diese Klassenanalyse – er wolle nicht „die Tiefe der ökonomischen Gegensätze in einer Detailana­lyse vertuschen“ (S. 519) – ist von fundamentaler Bedeutung.

Wenn man bösartig ist, kann man das mit Schillers oft zitierten Satz vergleichen, mit wel­chem er sich im „Demetrius“ gegen jede Demokratie geifert. „Der Staat muss untergehn, früh oder spät, wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet …“

Aber die Wahlen in die Verfassungsgebende Versammlung belegten: Die Mehrheit in der russischen Gesellschaft hatten sie nicht. Das ist ein fundamentales Problem. Denn wenn die Mehrheit in den Sowjets wichtig war, unter den Repräsentanten der Arbeiter, warum konnte man dann die Mehrheit in der Bevölkerung so chevaleresk übergehen? Man gab und gibt uns zur Antwort: Das Proletariat ist das revolutionäre Subjekt der Geschichte.

Schauen wir uns die andere Seite an, die Sozialdemokratie. Otto Bauer (1907) schildert in seinem grottenschlechten Buch über die Nation, wie er sich das Proletariat vorstellt (133): „Dass die Arbeiterklasse ausgeschlossen ist von der nationalen Kultur, das ist ihre Qual. … [Sie] ist wurzellos geworden: freier von der lähmenden Macht alles Überlieferten, … zur Ver­körperung des Rationalismus. … Alles Neue ist ihr willkommen. … Jede neue Strömung weckt sofort die Aufmerksamkeit. … Es gibt keine Klasse, die innerlich von aller nationalen Wertung voller befreit wäre, als das von aller Tradition … befreite Proletariat.“

Das klingt heute nur grotesk, heute, wo wir als ein Hauptproblem politischer Veränderung den zähen Traditionalismus der Unterschichten betrachten. Die historisch fundamentale Idee vom Proletariat als revolutionärem Subjet ist hier zur hohlen Rhetorik eines intellektuellen Kon­strukts verkommen. Die Arbeiterklasse wurde zum fiktiven Wunschbild eines spätpubertären Studenten. Und die neue absteigende Sozialdemokratie von heute sieht denn das Proletariat auch ganz anders. Wie das heute klingt, haben wir vor zwei Jahren im Profil (7. September 2015) lesen dürfen. Dort lebte sich eine gewesene Arbeiterzeitungs-Journalistin aus über die hässlichen Proleta­rier Wiens, so hemmungslos, dass sogar der Presserat sie rügte.

„Proletariat“

Bauer konnte sich an der Oberfläche auf eine gewisse Ähnlichkeit mit einigen Passagen des jungen Marx berufen. Und hier beginnt das Problem.

Anfang der 1840er war der junge Marx hegelisierend auf der Suche nach dem Weltgeist und seinen Fortschritt in der Geschichte. Nach dem kritischen Impuls seitens Feuerbachs und sei­ner Genossen fand er eine bestimmte, konkrete Klasse der modernen Gesellschaft als Protago­nistin der neuen Entwicklung. Sie besorgte und verkörperte nicht nur die Produktion, also den materiellen Fortschritt. Sie war gleichzeitig vital interessiert an sozialer und politischer Emanzipation, brauchte diese zu ihrem Überleben. Damit aber wurde sie zur Trägerin des politischen Fortschritts schlechthin, für die ganze Gesellschaft, auch für junge demokratische Intellektuelle, auch für das Bürgertum.

Aber so konkret war diese Klasse auch wieder nicht. Das ostelbische Land-Proletariat verband mit dem rheinischen Industrie-Proletariat durchaus kein Bewusstsein, eine Klasse für sich zu bilden. Eine solche Klasse an sich galt es erst aus diesen unterschiedlichen Komponenten zu organisieren. Dazu bedurfte es erst einer Gruppe von Intellektuellen. Dazu gehörte Marx. Das Proletariat wurde erst als politischer Verband von Unterschichten und einer Minderheit von Intellektuellen zur geschichtsmächtigen Kraft. Um mit Engels und Lenin zu sprechen: Intel­lektuelle trugen den Sozialismus von Außen in die Arbeiterklasse hinein. Der Sozialismus musste sich erst mit der Arbeiter-Bewegung verbinden.

Engels schildert 1880 (MEW 19, 181 – 228) die Entstehung des wissenschaftlichen Sozialismus. Er komme aus drei Quellen: dem utopischen Sozialismus, der (Hegel’schen) Geschichtstheorie und der Politischen Ökonomie als Struktur-Analyse der modernen Gesellschaft. Lenin (Werke 5, 355 – 551) modelt dies in höchst politischer Weise um: Der Sozialismus musste in die Arbeiterbewegung erst „von Außen“ durch Intellektuelle hineingetragen werden; die Arbeiterklasse bringt „aus eigener Kraft nur ein trade-unionistisches Bewusstsein hervor“.

Um die Arbeiterbewegung politisch wirksam zu machen, braucht es eine Partei. Die kann nur aus einer antihegemonialen Bewegung heraus gegründet werden. Aber die Partei muss heute erst wieder neu erfunden werden.

Dies ist eine historisch und politisch richtige Beschreibung. Aber Lenin verpasst es zu fragen: Wie verhindert man, dass die Intellektuellen, die „Ideologen“, „die Führer“, die Macht monopolisieren?

Das Industrie-Proletariat war die zahlenmäßig stark wachsende produktive Klasse in den hoch entwickelten Gesellschaften der zweiten Hälfte des 19. und der ersten zwei Drittel des 20. Jahrhunderts. Es wurde erst von der Sozialdemokratie und dann auch von den Kommunisti­schen Parteien politisch organisiert. Das brachte die soziale und politische Entwicklung dieser Gesellschaften sprunghaft voran. Wer könnte da am Konzept des historischen Subjekts zweifeln? Aber war es auch ein revolutionäres Subjekt?

Das hauptsächlich städtische Industrie-Proletariat nimmt seit rund einem halben Jahrhundert im Anteil an der Bevölkerung in den entwickelten Ländern wiederum klar und erheblich ab. Allein diese Tatsache weist ein weiteres Mal auf das Problem hin, das ich in der Einleitung bereits andeutete: die Vereinbarkeit des Konzepts „revolutionäres Subjekt“ mit einer Grund­regel der Demokratie: dem Mehrheitsprinzip. Aber das ist nur ein Aspekt der Problematik. Ein weiterer und ebenso wichtiger ist: Die alte Arbeiterschaft stellt, möglicher Weise, nicht mehr die Vorhut der sozio-ökonomischen Entwicklung, die Trägerin des Produktivitäts-Fort­schritts dar. Dies ist theoretisch ebenso fundamental wie die Frage der Mehrheit.

Machen wir den nächsten Schritt!

Mondialisierung – Globalisierung; Bemerkung zur Theorie der Politischen Ökonomie

Seit vielen Jahren schleudern uns die Apologeten des Neoliberalismus, des neuen Finanz­kapitalismus entgegen: Ihr seid gegen den historischen Fortschritt! Ihr stellt Euch gegen die Globalisierung, das Zusammenwachsen der Welt zu einer Einheit.

Hierin liegt zuerst ein riesiges Missverständnis, auf das viele Linke herein fallen. Die Eliten sind offenbar marxistisch geworden. Sie predigen uns den Internationalismus. Was aber Globalisierung wirklich bedeutet, verstehen die meisten nicht: Es ist eine Politik der Supra­nationalisierung. Die Eliten wollen die Regelmöglichkeiten des nationalen Staats beseitigen, die geringste Kontrolle seitens der Bevölkerung unmöglich machen.

Hier schließt sich sofort ein zweites Problem an. Die wichtige These vom System-Charakter der Wirtschaft wird in die These von der Technostruktur verdreht. Die klassische politische Ökonomie und insbesondere Ricardo haben auf ihrer Suche nach einem Regelmechanismus der Wirtschaft und einem möglichst haltbaren Maßstab der Bewertung in der Tradition des William Petty die Arbeitszeit hervorgehoben. Aber die Arbeitswertlehre wurde so façonniert, dass ein individualistisches Konzept heraus kam. Das war in der Zeit des Übergangs zum Kapitalismus noch verständlich und in gewissem Maß vertretbar. Allerdings sind auch damals die Probleme nicht zu übersehen. Wir sehen die Widersprüche im Konzept der produktiven Arbeit, wie sie einerseits im Kapital II erscheint, und wie sie Marx andererseits in den Theorien über den Mehrwert wiedergibt. Im Kapital III kommt er mit dem Transformations­prozess und der Poolung der Werte und des Mehrwerts wieder zum System-Charakter zurück. Nicht nur das Gesamtkapital, auch die Gesamtarbeit als einziger Produktionsfaktor muss gegenüber der Einzelarbeit herausgehoben werden. Alles Andere führt zu unauflösbaren Widersprüchen. Produktivität ist ein sinnloses Konzept, wenn ich von der Einzelarbeit ausgehe, von der Arbeit eines Einzelmenschen. Das hat entscheidende politische Folgen.

Doch vorher bedarf es noch eines Umwegs.

Ein bisschen Dogmatik

Die Idee des revolutionären Subjekts stammt aus einer Fortführung der Hegel’schen Ge­schichts- und Rechtsphilosophie seitens Marx’. Das macht aufmerksam – und vorsichtig! Hegel ist der große Fetischist der frühbürgerlichen Gesellschaft. Ein Anliegen von Marx und seine große geschichtstheoretische Leistung war, ihn „vom Kopf auf die Füße zu stellen“. Marx hat Hegel dekonstruiert.

Es kann nicht überraschen, dass sich Spuren der alten Gedanken auch in der Kritik daran erhalten haben. Hier kommt die alte Debatte ins Spiel: vom „jungen Marx“ und vom „reifen“. Es war tatsächlich auch eine Altersfrage. Der Diskurs ist ein wenig entgleist. Althusser / Bali­bar (1971) landeten bei einer neuerlichen Fetischisierung. Sie machten den Marx’schen Strukturalismus (ab etwa 1848) zum Handelnden selbst. Aber der Kern einer solchen Auffas­sung war tatsächlich bei Marx selbst gegeben. Und das Konzept des Revolutionären Subjekts ist davon berührt.

Wir müssen daher die Dekonstruktion weiterführen, im Marx’schen Sinn. Stellt sich somit die Frage: Was ist an diesem grundlegenden Begriff heute weiter gültig?

Der sogenannte humanistische (universalistische) Impetus des jungen Marx sah die Dialektik darin, dass die Entrechteten im Kampf um die eigenen partikularen Interessen gleichzeitig das universelle Anliegen der Menschheit vertreten: die Befreiung von Ausbeutung und Herr­schaft, die Emanzipation zum allseitigen Vollmenschen. Damit verkörpern sie den Fortschritt. Und damit haben wir nur leicht verhüllt den Hegel’schen Weltgeist wieder. Die Realität sah in der Geschichte meist anders aus. Die vielen chinesischen Bauern-Aufstände gingen in einem Meer von Blut unter. Die wenigen, die kurzfristig Erfolg hatten, führten aber keineswegs zur Befreiung, sondern immer zu einer neuen Dynastie. Was wunder, dass die Eliten-Theoretiker (Mosca, Michels, Pareto) kamen und sagten: Herrschaft ist nicht abzuschaffen. Der Dirigent wechselt, das Orchester bleibt dasselbe. Aber in einem hatten sie recht: Es gibt keine Automatik der Emanzipation. Das trifft auch für das 20. Jahrhundert und die Gegenwart zu.

Eine politische Kraft muss organisiert sein. Das scheint trivial. Doch hört man die Debatten gerade der leninistischen Tradition der Linken, so ist es gar nicht klar. „Das Proletariat“ oder „das Volk“ treten als Handelnde auf. Die Unterscheidung zwischen „Klasse an sich“ und „Klasse für sich“ scheint vergessen. Wer aber organisiert? Lenin [1902] antwortete: die Partei. Gramsci (1976) versuchte dies komplexer. Er sprach von den „organischen Intellektuellen“ und entwickelte eine Theorie der Hegemonie. Aber beide übersahen die gewaltige verhäng­nisvolle Dialektik. Wie schon gesagt: Das „Proletariat“ trat als politischer Verband von Arbeitern bzw. Unterschichten und von Intellektuellen auf. Intellektuelle aber haben andere Identitäten und Interessen als die Unterschichten. Reflektiert man dies nicht mit und baut nicht entsprechende Kontrollen ein, dann ist die Entwicklung zu einer neuen Eliten-Herrschaft nahezu unvermeidlich.

Und nun kommt ein fundamentaler Punkt: Marx und Lenin gingen stillschweigend von einem nationalen Rahmen aus, obwohl sie die Weltrevolution wollten. Die Theorie und die reale Er­fahrung klafften auseinander. Der Stalin’sche Sozialismus in einem Land war die theoretisch-politische Antwort auf diesen Widerspruch.

In der Zwischenzeit hat, verzögert nach dem Zweiten Weltkrieg, ein neuer Mondialisierungs-Schub eingesetzt. Er wurde bald zielbewusst durch eine harte Politik der Globalisierung weitergetrieben. Die übergroße Mehrheit der Intellektuellen stiegen ohne jede Reserve auf diesen Zug auf – und verabschiedete sich damit ganz von den Unterschichten und den subal­ternen Klassen. Eine ziemlich kleine Minderheit aber wurde erst tiermondistisch und sucht seither nach einer politischen Orientierung.

Tiersmondismus

Die Verdammten dieser Erde leben heute nicht mehr in Europa. Übrigens: Das traf in hohem Maß auch schon zu Zeiten Marx’ zu. Es war nicht zufällig, dass Lenin die Losung – stilistisch leider gar nicht gut – erweiterte: Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker, vereinigt Euch! Denn die Schere ging stetig weiter auseinander, die Schere im Wohlstand, in den Lebens-Chancen generell, ja im Mensch-Sein.

Nun erheben sich die Verdammten dieser Erde wieder – in einer Weise, vor der wir erschre­cken, und die uns gar nicht gefällt. Frantz Fanon (1952, 1961) hat seine Teilnahme am nationalen Befreiungskampf der Algerier reflektiert. Dabei entwickelte er einen Mythos der befreienden Gewalt, der an den Syndikalisten Sorel erinnert. Wir waren in meinen jungen Jahren davon beeindruckt, ja begeistert. Heute sehen wir das zwiespältiger. Auch Al Kaida und der Islamische Staat versuchen diesen Mythos der Gewalt zu verwirklichen. Damit fällt aber für die meisten der mentale Vorhang. Sie erkennen nicht mehr, sind nicht im geringsten bereit dazu, dass der politische Islamismus tatsächlich der Ausdruck eines revolutionären Potenzials ist. Aber auch damals machte das Buch ganz offenbar Unbehagen.

Ein halbes Jahrzehnt nach Frantz Fanon brachte Régis Debray (1967) seine Überlegungen zu Papier – so drückt er sich selbst aus. Die waren irgendwie beruhigender. Er sprach von Lateinamerika. Seine Revolution stand in der sozialistischen Tradition. Der Che versuchte den kubanischen nationalen Befreiungskrieg zu internationalisieren.

Allerdings soll er einmal geäußert haben: Die Revolution Lenins widert mich an – und meinte damit die Sowjetunion (Spiegel, 26. 8. 1968, zitiert wird ein französischer Journalist).

Lateinamerika wurde für uns zum neuen Mekka. Aber der, der da geschrieben hat, Régis Débray, wird sich wenige Jahre später der Sozialdemokratie anschließen, Präsidenten-Berater werden und ein warnendes Buch vor dem revolutionären Eifer schreiben (1975). Aber damit wird er nicht etwa vor der revolutionären Ungeduld warnen, wie es Franz-Josef Degenhardt in seiner großartigen Ballade von Joss Fritz (mit Blick auf die RAF) getan hat. Er warnt vor der Revolution. Auch ein Verschleierungs-Verbot hat Debray bereits vor 4 Jahrzehnten gefordert. … Alles im Namen der Vernunft! „Die geschichtliche Wirksamkeit einer Aktion ist die Aktion  des Rationalen in der Geschichte.“ Kann man, mitten im 20. Jahrhundert, seine Hegelei noch ungebrochener, ja naiver ausleben?

Die Dritte Welt – schon der Ausdruck gilt heute nicht mehr als korrekt – scheint also ihre Rolle als revolutionäres Subjekt ausgespielt zu haben, vor allem als Stellvertreter für Revolutionen, die bei uns nicht stattfinden. Wir müssen uns wohl selbst bemühen.

Gesellschaftliche und politische Entwicklung

Die Arbeiterklasse und die Unterschichten, die sich ihr anschlossen wurden ab Mitte des 19. Jahrhunderts zum politischen Subjekt. Sie waren es, welche die historische Entwicklung vorantrieben, und zwar im 20. Jahrhundert in zwei Ästen, dem kommunistischen und dem sozialdemokratischen. Dies fiel zusammen mit dem quantitativen Aufstieg des Industrie-Pro­letariats. Messen kann man den am Anteil des Sekundären Sektors. Das traf in Österreich bis etwa 1970 zu. Es war damals, als die Sozialdemokratie in ganz Westeuropa hegemonial wurde. Aber diese Hegemonie verwandelte die Sozialdemokratie selbst. Sie wurde erst zur Partei der Unterschicht-Integration ins System. Wenig später wandelte sie sich konsequent zur Partei des Finanz-Kapitalismus.

Die Kommunistischen Parteien des Westens aber stiegen ab diesem Zeitpunkt ab in die Be­deutungslosigkeit. Das traf etwas früher auf Frankreich zu; etwas später, aber umso katastro­phaler auf Italien und Spanien. Interessant war die intellektuelle Reaktion auf beide Bewegun­gen: In der Studenten-Bewegung hatten die Sprecher voll auf den Klassenkampf gesetzt. Am Ende des 20. Jahrhunderts verschob sich die politische Thematik jedoch ganz ins Identitäre: Der „identity turn“ kannte bald nur mehr „Frauen“, „Minderheiten“, „Immigranten“ und keine Klassen mehr.

Dann kam die große politische und intellektuelle Wende. Das globale System und seine nationalen Komponenten wandelten sich: Eine supranationale finanzkapitalistische Struktur entstand und wurde politisch auch in Europa durchgesetzt. Die Ideologie folgte. Aber der Globalismus des intellektuellen Diskurses wurde blass-rosa angestrichen. Denn an dieser Wende waren nicht wenige beteiligt, die in den jüngeren Jahren anderen Moden gefolgt waren. Paradigmatisch möchte ich nur zwei Namen nennen: Daniel Cohn-Bendit und Franz-Josef Fischer.

Damit brachten sie in ihren Ländern jedes linke Projekt vorerst einmal in Verruf. Die Arbeiter, die Unterschichten allgemein, wandten sich ab.

Die Finanz- und Eurokrise brachte eine neuerliche Veränderung. Die Wohlstandsversprechun­gen hielten nicht, jedenfalls nicht für den übergroßen Teil der Bevölkerung. Diese wurde daher gegenüber den Eliten höchst misstrauisch. Sie wurde unruhig und unzufrieden. Die Angst um die eigenen Lebensumstände und vofr dem Abstieg wuchs. Aber sie wendete sich in unseren Ländern keineswegs zurück zur Linken. Damit entstand ein floatendes politisches Potenzial. In Mittel- und Nordeuropa konnte die alte Rechte dies in den Wahlen nutzen. Und wir müssen nun vor allem von unseren eigenen Gesellschaften sprechen.

Eine Reihe von Fragen aus der Gegenwart

Jetzt stellt sich die Frage nach dem revolutionären Subjekt neu. Aber es gibt mehr Fragen als Antworten. Auch der Rest dieser Überlegungen besteht wesentlich aus Fragen. Vor allem fragt es sich, ob es ein identifizierbares revolutionäres Subjekt gibt. Die Hegelei vieler Marxisten ist für die Antwort darauf jedenfalls kein Beleg.

Die Arbeiterklasse in den hoch entwickelten Gesellschaften nimmt nicht nur zahlenmäßig ab. Sie wurde auch kulturell konservativ. Damit wurde sie sogar zur eigentlichen Gegnerin der „Kulturlinken“. Dass ist jene intellektuelle Strömung, inzwischen hegemonial, welche auf Janitscharen-Weise die Globalisierung nicht nur mit trägt, sondern zum eigentlichen Kern ihrer Identität gemacht hat. Die Unterschichten aber denken lokal, regional, national. Und das gilt meist soigar dann noch, wenn sie wandern, also den eigenen lokalen Kontext verlassen.

Die Linke in den hoch entwickelten Ländern hat nun zwei Probleme zu lösen. Das revolutio­näre Subjekt unserer eigenen Gesellschaft ist offenbar nicht mehr das alte Industrie-Proleta­riat. In den 1970er, 1980er und 1990er wurde dies erstmals von verschiedenen Seiten reflek­tiert. Es wurden verschiedene Lösungen angeboten. André Gorz sprach von der Neuen Arbei­terklasse. Aber das wirkt fast wie eine Verkleidung der „Technostruktur“ bei Galbraith. Die sowjetorientierten Kommunistischen Parteien beriefen sich auf den STAMOKAP: Sie zählten alle Lohnabhängigen zur Arbeiterklasse. Beide standen theoretisch auf einem internationalistischen Standpunkt, dachten aber in der Praxis in alten nationalen Kategorien. Beide Anbote überzeugen heute gar nicht mehr.

Auf der sozioökonomischen Ebene konstatieren wir heute eine neuerliche Dualisierung der Gesellschaft. Im Grund hat der Kapitalismus eine solche Dualisierung in der Realität noch nie gesehen, obwohl sie der Marxismus seit seinen Anfängen postuliert. In manchen Phänomenen erinnert sie an vorkapitalistische Zeiten. Aber das Schlagwort Refeudalisierung hat seine en­gen theoretischen Grenzen. In modernen Gesellschaften brauchen die Eliten vergleichsweise breite Zwischenschichten. Die Oberen Mittelschichten stehen ihr zur Verfügung. Aber mit ihren vielleicht 15 % der Bevölkerung sind sie politisch viel zu schmal. So reichen die Bemühungen um System-Loyalität weit in die Mittleren Mittelschichten hinein. Viele unter deren Angehörigen, vor allem die Jüngeren, glaube, sie würden es schaffen, zu den Gewinnern aufzuschließen.

Aber zwischenzeitlich hat ein Prozess eingesetzt, welcher dafür einen mächtigen Störfaktor darstellt. Die Mittelschicht dünnt aus. Viele ihrer Angehörigen steigen ab – Plebeisierung. Doch Plebeisierung ist keine Proletarisierung. Können also die neuen Plebeier der hoch ent­wickelten Welt – die Unterschichten und die absteigenden Mittelschichten – ein neues revolutionäres Subjekt darstellen?

Diese klassenanlytischen Bemerkungen haben auch wieder ein Manko. Sie setzen den nationalen Kontext für die sozio-ökonomische Entwicklungsebene voraus, und zwar nur so halbbewusst. Mit der forcierten Globalisierung mondialisiert sich aber die Klassenstruktur beschleunigt.

Für die Spitze der Pyramide ist dies heute nahezu unbestritten. Vielleicht sogar zu unbestritten: Denn die globalen Züge werden überschätzt. Die regionale und auch noch nationale Verankerung der TCC (Transnational Capitalist Class) ist noch hoch und hat enorme politische Auswirkungen. Es kommt sehr wohl darauf an, ob ein Spitzenmanager US-Amerikaner oder Deutscher ist, oder aber z. B. Tscheche. Wenn diese Leute großen, dominanten Nationen angehören, sind sie die eigentlichen Träger des („alten“) Imperialismus.

Und die Unterschichten, die Arbeiter?

Hier ist die Dialektik global – national ausgeprägt. Aber sie nimmt ganz neue Formen an. Sie erreicht keineswegs den Grad der Beinah-Organisation, welchen die Eliten mit ihren vielfältigen Treffpunkten und Clubs haben, von Davos bis zur Mont Pelerin Society. Doch die Unterschichten sind in ein weltweites Schichtsystem eingebaut. Das realisieren sie paradoxer Weise nicht so sehr in der Solidarität mit ihresgleichen, sondern in der mörderischen Konkurrenz.

Ich bezweifle, dass die Plebeisierung ein neues revolutionäres Subjekt schafft. Ich halte es für fast ausgeschlossen. Selbst dort, wo sich diese Schichten eher links orientieren – ich denke dabei an die M5S in Italien – , bleibt die Orientierung erratisch und unzuverlässig. Allerdings haben auch die proletarischen Bewegungen plebeisch begonnen. Proletarisierung war histo­risch die Bildung einer Klasse an sich, der Bewusstwerdung einer Klasse aus einer plebei­schen Masse heraus. Plebeisierung ist ein ganz gegenteiliger Prozess. Es ist der Abstieg in die individuelle Bedeutungslosigkeit, geradezu der Verlust des politischen Bewusstseins. Erst durch harte politische Arbeit (von wessen Seiten?) ist der Aufbau eines neuen politischen Subjekts und seine Effektivität möglich.

Schlussfolgerung

Ich komme hier nochmals auf den Tiersmondismus zurück. Plebeisierung hat in einer globa­len Welt einen mondialen und einen großregional-nationalen Aspekt. Die europäischen Plebeier halten ihren Lebensstandard nicht zuletzt dank der billigen Arbeit der Dritten Welt. Das wissen sie auch, wenn vielleicht auch nicht immer ganz klar. Wie soll unter diesem Um­stand ein Bündnis mit den Verdammten der Erde möglich sein? So ist denn auch die Politik der Imperien darauf ausgerichtet, diese globale Struktur zu erhalten. Die USA, die EU, China mögen sich um Anteile streiten. Das Ziel und selbst die Herrschafts-Techniken sind dieselben. Und Brosamen aus ihrer schmutzigen Politik lassen sie ihren Unterschichten zukommen, sogar in China.

Und doch ist ein solches Bündnis zwischen den Plebeiern in der Ersten Welt mit jenen in der Dritten Welt die einzige politische Möglichkeit, die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Wie dies vor sich gehen soll: Da bin ich völlig überfragt. Aber es ist eine politische Frage, keine Klassen-Automatik.

Der Weltgeist nimmt seinen Sitz nicht in irgendeinem Kollektiv. Wir müssen uns politisch um Veränderungen bemühen, denn spontan wirkt Herrschaft nicht nur versteinernd, sondern zieht uns in den Orkus. Gegen die Herrschaft brauchen wir Organisation. Aber Organisation hat selbst immer ein gewichtiges Element von Herrschaft in sich. Eine neue Politik, eine Organi­sation der europäischen Plebeier wird allerdings vor völlig neuen Herausforderungen stehen und der alten linken Politik an der Oberfläche nicht sehr ähnlich sein.

Und doch hat die Auffassung vom revolutionären Subjekt auch einen wesentlichen Hinter­grund: Die Gleichheit der Menschen, die gleiche Würde ebenso wie gleiche Lebens-Chancen, wird durch die Klassenspaltung der Gesellschaft massiv verletzt.

Literatur

Althusser, Louis / Balibar, Etienne (1971), Lire le Capital. 2 Vol. Paris : Maspero.

Bauer, Otto (1907), Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie. Wien: Verlag der Volks­buchhandlung. (Auch in: Werke. Hg. von H. Pepper. Wien: Europa Verlag, 1966).

Debray, Régis (1967), Revolution in der Revolution? Bewaffneter Kampf und politischer Kampf in Lateinamerika. Berlin: trikont.

Debray, Régis (1975), Kritik der Waffen. Wohin geht die Revolution in Latein-Amerika? Hamburg: Rowohlt.

Engels, Friedrich ([1880]), Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft. In: MEW 19, 181 – 228.

Fanon, Frantz (1969), Die Verdammten dieser Erde. Hamburg: Rowohlt.

Fanon, Frantz (2013 [1952]), Schwarze Haut, weiße Masken. Wien-Berlin: Turia&Kant.

Gramsci, Antonio (1971), Quaderni del carcere. Introduzione di Luciano Gruppi. Roma: Riuniti (6 vol., insbes. Gli intellettuali). Bzw.: Gramsci, Antonio (1975), Quaderni del carcere. Edizione critica dell'Istituto Gramsci. A cura di V. Gerratana. Torino: Einaudi.

Lenin, W. I. (1975 [1899]), Die Entwicklung des Kapitalismus in Russland. Werke III. Berlin: Dietz.

Lenin, W. I. (1975 [1902]), Was tun? In: Werke V, 355 – 551.

Marx, Karl [1843], Zur Kritik der Hegel’schen Rechtsphilosophie. Kritik des Hegelschen Staatsrechts (§§ 261 - 313). In: MEW 1, 201 – 336.

Sorel, Georges [1906/1908], Réflexions sur la violence. http://gallica.bnf.fr/Fonds_Frantext/T0089698.htm (4. Juli 2000).

Stalin, J. W. ([1926]), Zu den Fragen des Leninismus. In: Werke 8, 12 – 81.

 

Verweise