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Buchrezension – Helen Caldicott

4. September 2003

Atomgefahr USA

Die nukleare Aufrüstung der Supermacht.

Mit einer Art “schock und awe”-Strategie sollte das irakische Regime von Saddam Hussein zur Kapitulation gezwungen werden. Schock und Entsetzen ergreift den Leser dieses Buches und hält ihn bis zum Schluss gefangen. Die renommierte Atomwaffenexpertin Helen Caldicott entwirft ein Bild einer atomwaffenstarrenden USA. Im Vergleich dazu erscheint das angebliche Massenvernichtungspotenzial des Irak noch nicht einmal als Peanuts. Die USA sind bis an die Zähne bewaffnet. Anstatt nach dem Ende des Kalten Krieges abzurüsten, geben die Amerikaner 310 Mrd. Dollar jährlich für die Rüstung aus. 2002 stieg der Rüstungsetat auf 375 Mrd. Dollar. Die russischen Rüstungsausgaben belaufen sich dagegen auf 5,1 Mrd. US-Dollar. Von jedem Dollar gibt Amerika gerade einmal sechs Cent für Bildung und vier Cent für die Gesundheitsvorsorge, dafür aber 50 Cent für den Militär-Industrie-Komplex aus. Die Kombination von aggressiver Aufrüstungspolitik und missionarischem Eiferertum lassen die USA zu einer globalen Gefahr für die internationale Staatengemeinschaft werden.

“Wir steuern rasant auf eine weltweite Katastrophe zu. Im Weißen Haus sitzt ein kampflustiger und schlecht unterrichteter Präsident (…), der von seinem Mitarbeiterstab gesteuert wird, den er aus der Industrie rekrutiert hat und der so viel amerikanische Steuergelder wie nur irgend möglich abschöpfen möchte, um immer exotischere und gefährlichere Waffen damit zu bauen. Die Ministerkandidaten der Regierung Bush gehören zu den aggressivsten und extremsten der jüngsten Geschichte und alarmierend viele Mitglieder des Bush-Stab haben direkte Verbindungen zu Lockheed Martin.”
Die Autorin, die das Nuclear Policy Research Institute in Los Angeles leitet, belegt die These, dass die US-Administration mit ihrer aggressiven Präventivkriegspolitik unter einem großen Druck der Rüstungsindustrie steht, Atomwaffen einzusetzen, damit diese neue produzieren kann. Dies scheint auf den ersten Blick verschwörungstheoretisch, ja unfassbar, ist es aber nicht.
“Die Vereinigten Staaten selbst kamen in Afghanistan dem Einsatz von Atomwaffen bedrohlich nahe, was leicht einen atomaren Gegenschlag hätte provozieren können. Über den Einsatz der schrecklichsten bekannten konventionellen Waffen hinaus empfahl das US-Verteidigungsministerium die Verwendung taktischer Atomwaffen und einige Kongressmitglieder rieten dringend zum Einsatz kleiner atomarer “Bunker Basters”. Bush-Berater – darunter auch Stephen Headley, William Schneider und der stellvertretende US-Sicherheitsberater Stephen Cambone – sprachen sich ebenfalls für die Verwendung von Atomwaffen aus.”
Die Autorin belegt die engen Verbindungen zwischen der Bush-Administration und dem militärisch-industriellen-Komplex. Die hohen finanziellen Zuwendungen dieses Industriezweiges an die Partei von Bush sprechen für ihre These. Führende Mitarbeiter seiner Administration wie Vizepräsident Dick Cheney, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld oder Sicherheitsberaterin Condoleeza Rice und zahlreiche andere hatten hohe Positionen in der Industrie inne.
“Sein Kabinett setzt sich überwiegend aus leitenden Angestellten aus der Industrie zusammen (…) Der mächtigste Konzern der Welt, ein Konzern, der im wahrsten Sinne des Wortes das Schicksal der Erde lenkt, ist Lockheed Martin. Im Jahr 2000 gingen die meisten Aufträge aus dem Bereich der Verteidigung an diesen Rüstungskonzern.”
Neben der Entwicklung von High-Tech-Waffen wie Benzinbomben, Cluster- und Streubomben, Bunker Buster, die eine ähnliche Wirkung haben wie taktische Atombomben, nur ohne Strahlung, haben die USA ein Manhattan II-Projekt zur Entwicklung neuer Atomwaffen aufgelegt. Das unter dem Codenamen SS&M (Stockpile Stewardship and Management Program) laufende Programm war ursprünglich dazu gedacht, das reibungslose Funktionieren der vorhandenen US-Atomwaffen sicherzustellen.
“Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges gaben die USA im Durchschnitt 3,8 Mrd. Dollar für Entwicklung, Test und Herstellung von Atomwaffen aus. Nun, zwölf Jahre nach Ende des Kalten Krieges, werden die Ausgaben für ein Projekt, das sowohl gegen den Atomteststoppvertrag als auch gegen den Atomwaffensperrvertrag verstößt, jährlich fünf Mrd. Dollar betragen.”
Neben der Entwicklung einer neuer Generation von Atomwaffen bereiten sich die USA auf eine Kriegsführung im Weltraum vor. Auch hier spielen die Rüstungsunternehmen eine zentrale Rolle als Scharnier zwischen Militär und Bevölkerung durch die Verbreitung von Unmengen an Propagandamaterial. Das Buch “Military Space Forces” liefert das Rezept für eine solche Kriegführung.
“Es ist kämpferisch, nationalistisch, provokant, sorgfältig recherchiert und zutiefst beunruhigend zugleich. Und es bildet über weite Strecken die Basis für die offizielle US-Politik hinsichtlich einer Militarisierung des Weltalls.”
Caldicott weist auf die Gefahren für Soldaten und Zivilisten hin, die durch den Einsatz von angereicherter Uranmunition entstehen können, wie sie im zweiten Golfkrieg und im Kosovo durch die Amerikaner eingesetzt worden sind. Tausende von US-Soldaten sind an den Folgen gestorben. Um die irakische Zivilbevölkerung hat sich niemand gekümmert. Setzen die US auch in diesem Krieg wieder diese Art von Munition ein? Hat sich die deutsche Bundesregierung gefragt, of nicht auch die deutschen Soldaten in Kuwait Bestrahlungen ausgesetzt sein könnten?
Abgerundet wird das Buch durch einen umfangreichen Anhang über die wichtigsten US-Atomwaffenhersteller, Atomwaffenkontrollzentren, Standorte der meisten einsetzbaren Atomwaffen, Regierungsbehörden sowie Organisationen, Medien und Institutionen für Frieden und Abrüstung. Nach einem Ende des Irakkrieges muss neben der Verantwortung für diesen völkerrechtswidrigen Überfall auch über das gigantische Atomprogramm der USA geredet werden. Caldicotts Buch unterstreicht nicht nur die Dringlichkeit, sondern benennt auch die Gefahren für den Weltfrieden, die von dieser Art von Politik ausgehen. Ein schrecklich faszinierendes Buch.

Aus den Englischen von Andrea Panster, Diederichs, München 2003, 400 Seiten, 23 …€.

Ludwig Watzal

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