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„Wer wen“?

2. Juni 2026
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Links: Politisches Konzept zwischen Arbeiterklasse und Intellektuellen

Die Geschichte ist – es sollte bekannt sein – eine Geschichte von Klassenkämpfen. Aber Ideologie und Klassenbewusstsein bilden selten offen die historische Position einer Klasse im Konflikt ab. „Links“ war früher synonym mit der Arbeiterklasse. „Links“ ist heute die Klassen-Ideologie von Intellektuellen und Oberen Mittelschichten. Sollen wir deshalb diese Kategorie aufgeben, wie Wagenknecht zu denken scheint?

Die Dialektik der Geschichte macht aus Intellektuellen die Ideologen der Herrschenden, aber auch Vorkämpfer historischer Emanzipation. Wir wollen uns Hauptlinien der Entwicklung für mehrere Grundthemen (Klassen und Gleichheit; Identitäten) ansehen. Daraus ziehen wir Folgerungen in Thesen: Sozialistische Politik braucht Intellektuelle – doch Intellektualismus war und ist eine entscheidende Gefahr sozialistischer Politik.

 

Die Dialektik der Geschichte

In der Schweiz wurde 1874 eine Totalrevision der altliberalen Bundesverfassung durchgezogen. Die Liberalen stellten sich strikt gegen das Referendum, die Möglichkeit von Volksabstimmun­gen. Ihr Sprecher, Alfred Escher (1819 – 1882), argumentierte wörtlich: Das Volk ist zu wenig fortschrittlich. Unter „Fortschritt“ verstand der arrogante Bundesbaron – so nannte man ihn damals – schlicht Politik im Interesse der „Wirtschaft“, d. h. des Kapitals. Die Opposition gegen die Liberalen, die Demokraten, setzten sich schließlich durch. Doch wen repräsentierten sie? Die Demokratische Bewegung, so lesen wir in der NZZ vom 24. April 2024 (Interview mit Historiker Straumann und Verfassungsjurist Schmidt) sei „eine Gegenelite, die mehr Macht forderte“ gewe­sen. Gleichzeitig heißt es: Sie war „eine kleinstädtische und ländliche Deutschschweizer Bewe­gung“, gewesen, die wohl auch manchmal antisemitische Züge gezeigt habe. Die großbürgerliche Zeitung, direkte Nachfolgerin von Escher, versucht also, sie als populistisch zu charakterisieren, um sie damit abzuwerten. 

Die Liberalen waren stets die Sprecher der Eliten. Von Demokratie haben sie nicht viel gehalten. Aber es waren nicht ausschließlich die Schweizer Liberalen, welche so raisonnierten. 

F. Engels schrieb in seinen jungen Jahren über die Schweiz in einem unglaublichen Ton (MEW 4, 391 – 398: Die Schweizer sind „brutale bigotte Bergstämme, die sich störrisch gegen die Zivilisation und den Fortschritt stemmen… (mit) tierischer Hartnäckigkeit und in tierischem Zustand“. Ihr Kampf gegen die Habsburger war für ihn „der Kampf störrischer Hirten gegen den Andrang der geschichtlichen Entwick­lung, … gegen die Interessen der ganzen Nation“ [er dachte an die Deutschen!]. Das war 1848, und im Auge hatte er vor allem die Innerschweiz. Zu dieser Zeit schrieb er aber ähnlich auch über die Tschechen und andere slawische Völker (vgl. Rosdolsky 1964). Dialektik war entschieden nicht die Sache des jungen Engels. Im Alter jedoch merkte er gelegentlich kritisch an, gegenüber deutschen Sozialdemokraten: „Was den Herren allerdings fehlt, ist Dialektik …“ (MEW 37, 494: Brief im Spätjahr 1890).

Auf Friedrich Engels werden wir noch zurückkommen.

 

Hegemonie

These 1: Als Klasse ist die Obere Mittelschicht gegenwärtig der unmittelbare Hauptgegner einer Linken, die sich noch in der Tradition der Arbeiterbewegung sieht. Doch linke Politik braucht Personen aus dieser Klasse – Intellektuelle – , um gegen die Hegemonie des Linksliberalismus eine Gegen-Hegemonie anstreben zu können. Und auch Marx spricht schon im Kommunistischen Manifest  von Bourgeois-Intellektuellen, die zum Proletariat übergehen. Er spricht offensichtlich von sich selbst und Engels.

Gegen-Hegemonie ist inzwischen aber auch ein Vokabel, welches viele aus der deklarierten Rechten benutzen. Dazu zählt die Alte Rechte, in den USA z. B. die Paläolibertären. Dazu zählen aber insbesondere die Parteien und intellektuellen Unterstützer der neuen, der populistischen Rechten. Wir brauchen nur das Netz ansehen. Wir finden da eine ganze Menge von rechten Blogs und websites, die man durchaus als erfolgreich betrachten muss (Apollo-News; Clownswelt, …). Wird also die Neue Rechte gerade hegemonial?

Politik und „Kultur“

Ich finde in La Repubblica (15. Mai 2026) einen Artikel von Carlo Galli, früher Abgeordneter des PD. Da erklärt er, was Hegemonie sei und schreibt dann: Die Rechte versteht es nicht hege­monial zu werden, weil sie kein Verhältnis zur (Hoch-) Kultur hat. Das ist ziemlich kennzeich­nend, und es ist kennzeichnend für die Zeitung, in der er es schreibt. Die Repubblica wurde 1976 von Eugenio Scalfari gegründet, um die KPI zu zerstören. Und mit Unterstützung einer Mehrheit der KPI selbst, unter ihr der Parteisekretär Enrico Berlinguer, ist ihr dies in kurzer Zeit gelungen. Die KPI wurde geschlagen. Aber sie hat sich eindeutig selbst zerstört: Sie wurde linksliberal (als PDS mit d’Alema und Bersani) und schließlich neokonservativ (als PD, doch schon vorgezogen mit mit Prodi, dann mit Renzi, Mario Draghi und Ely Schlein).

Doch sprechen wir erst einmal über das Grundsatz-Problem. Ästhetik und Kunst sind Lebensfor­men der Oberen Mittelschichten. Das sind als politisch-kulturelle Fragen Schicht- und Klassen­probleme. Aber sie werden häufig als solche verleugnet. Wir müssen sie als solche darstellen. Machen wir einen historischen Umweg! 

Die Oktober-Revolution hatte die ästhetische Produktion, die ästhetischen Auffassungen und natürlich auch die entsprechenden Theorien enorm beeinflusst. Schon in den 1910ern und dann nach der Revolution, am Beginn der 1920er, beobachten wir in Russland eine regelrechte künstlerische Explosion. Das gilt vor allem für die Bildende Kunst und die Architektur, also Felder mit Auswirkungen in den Alltag, weniger für die Literatur und die Musik. 

Aber sehen wir etwas genauer hin. Lenin selbst war in seinem Geschmack ein Traditionalist. Doch er hat die avantgardistischen Versuche, auch in seiner Umgebung, nicht behindert. Mit der Stalinisierung der SU und der Kommunistischen Internationale änderte sich dies dras­tisch. Mit dem ZK-Beschluss vom April 1933 (Über den Neuaufbau literarischer und künstleri­scher Organisationen) wurde die 100 Blumen, welche nach der Revolution erblüht waren, weit­gehend ausgerissen und auf ganz wenige beschränkt. Das geschah im Rahmen einer Kampagne gegen die bürgerliche Intelligenz und der Förderung neuer proletarischer Kader. Aber die norma­tiven Einschränkungen der 1930er waren keineswegs proletarisch. Es war die Nomenklatura, die Bürokratie, welche sich der sowjetischen Gesellschaft bemächtigt hatte. Zu ihrer Legitimation nannte sie sich proletarisch, denn ihre Gegner waren, u. a., bürgerliche Intellektuelle. 

Das Alles ist nicht wirklich analysiert und verstanden. Es ist eine höchst dialektische Erschei­nung. Die kreative Explosion nach 1917 stellte eine große Hoffnung auf eine neue Gesellschaft dar. Doch beachten wir wohl: Das war eine Intellektuellen-Revolution, eine intellektualistische Bewegung. 

In Italien können wir etwas Ähnliches im Rahmen des Faschismus sehen. Dort hatten die Künstler und Intellektuellen die „faschistische Revolution“ als Versprechen ernst genommen. Diese Gelegenheit wollten sie sich nicht entgehen lassen. Und die Sarfatti bot den Piacentini, den Dottori, auch den de Chirico, und wie sie alle hießen, Schutz und Förderung, solange sie selbst mächtig war. Die Futuristen, bürgerliche Muster-Intellektuelle, waren eine anerkannte Strömung innerhalb der Faschistischen Partei.

Wie konnten die bolschewistischen Revolutionäre zu selbstbezogenen und abgehobenen Bürokraten werden? 

Es gibt eine Grundgefahr in der sozialistischen Tradition und Bewegung. Ich nenne es den Intellektualismus. Die intellektuellen Akteure reflektieren ihre eigene soziale Stellung nicht, ihre eigene Klassen-Position.

Die marxistische Tradition steht selbst im Rahmen der bürgerlichen Hegemonie. Lesen wir die marxistischen Texte! Gerade die Schriften von Engels verraten ein geradezu naives Vertrauen in die bürgerliche Wissenschaft seiner Zeit. Eine Auseinandersetzung mit der Hegemonie fand praktisch nicht statt. Dasselbe gilt für die wenigen Texte zur Kultur. Engels, Plechanow, Mehring sprechen fast ausschließlich von Literatur. Allein das zeigt bereits den intellektualistischen bias. Eine Auseinandersetzung mit der Architektur und der Bildenden Kunst fand nicht statt. Und erst die Musik! Die E-Musik (Kunst-Musik) findet sich erst spät bei Adorno – nicht ausgesprochen ein Revolutionär – und weitgehend vergessen bei Balet / Gerhard (1981). Zur U-Musik, zu dem, was wir heute Pop nennen würden, gibt es einige beschämende Äußerungen von Ernst Fischer. Sein Satz: Kunst muss nichts und darf Alles wird heute noch gern zitiert – gibt er doch den Intellektuellen den Weg vor: Sie dürfen Alles, was gewöhnliche Menschen nicht dürfen. Was wollen sie mehr?

Das aber sind die Felder, welche die breite Bevölkerung ansprechen. Oder noch deutlicher, damit niemand das missversteht: Der Intellektualismus des Marxismus stellte die kulturelle Hegemonie der Herrschenden nicht in Frage. Sowohl die dominante stalinistische Strömung als auch die heimlichen Oppositionellen (Lifshitz, Lukacs) versuchten sich als die besseren Fortsetzer der bürgerlichen Kultur zu präsentieren. Den notwendigen Bruch mit der Hegemonie suchten sie nicht und konnten ihn auf ihrem Weg auch nicht durchführen. Es ist kein Zufall, dass die österrei­chische Sozialdemokratie, als sie vor dem Ersten Weltkrieg noch als revolutionär galt, Arnold Schönberg, den ausgeprägtesten Intellektualisten in der Musikgeschichte, als ihren heimlichen Star präsentierte.

Die Linksliberalen gerieren sich heute als die Linken schlechthin. Sie verkörpern angeblich den Fortschritt gegen die dummen und trägen Unterschichten. Und sie können sich auf diese Tradition berufen. Sie gewinnen ihre Glaubwürdigkeit gerade aus diesem verhängnisvollen Zusammenfluss von konservativen, bürgerlichen und marxistischen Traditionen.

Ich höre durch Zufall kurz in eine Sendung des ORF hinein (17. Mai 2026, 18.15 ff.), ein Gespräch mit der Wiener Professorin Barbara Preinsack. Sie ist “moderne“ Sozialdemokratin und in allen möglichen Komitees vertreten, welche diese Partei besetzt. Vieles, was sie sagt, über Demokratie etc., ist ziemlich trivial, aber nicht wirklich abzulehnen, „linksliberal“ eben. Was aber am meisten auffällt: Sie spricht ständig und ausschließlich von „vielen meiner Kolleginnen meinen“, „manche meiner Kolleginnen glauben“, usw. Die Bevölkerung kommt in diesem Gespräch über Demokratie und ihre Krise nicht vor. Sie bewegt sich ausschließlich im akademischen Milieu, innerhalb ihrer eigenen Klassen-Fraktion; und das beim Kernthema der Mitbestimmung. Klassen kennt sie nicht (mehr). Genau dies ist das Problem, welches ich ansprechen will. Damit rutschen für mich ihre Inhalte an die zweite Stelle. Es ist fast gleichgültig, ob ich sie bejahe oder ablehne.

Vor einem Vierteljahrhundert hätte niemand unter uns den progressiven Charakter der neuen Literatur, der Kunst, der avantgardistischen Kultur bestritten, oder gar jenen der Menschenrechte. Gleichberechtigung aller sexuellen Orientierungen war als Forderung selbstverständlich.

Heute aber müssen wir in aller Klarheit feststellen: Viele dieser Themen werden inzwischen als Herrschaftsmittel der Oberen Schichten eingesetzt. Der Wiener Aktionismus der 1960er war auch damals der Anspruch einer bürgerlich-intellektuellen Gruppe, die zur Bevölkerung kaum Kontakt hatte und sie oft genug verachtete. Aber gleichzeitig erschütterte er die traditionell-konservativ-bürgerliche Welt derart, dass er eine wirklich progressive politische Funktion hatte. 

Der Ehrgeiz der Kulturradikalen ging vor allem dahin, sich der bestehenden Institutionen zu bemächtigen, nicht sie zu zerschlagen. Man wollte das dortige Personal ersetzen. „Die Burg“, so sagte vor etwa einem Jahrhundert Anton Wildgans (1881 – 1932), Burgtheater-Direktor 1921 / 1922 sowie 1931 / 1932, sei „gleich den Universitäten, eine Bildungsstätte ersten Ranges“. Das Burgtheater hat in Wien und von hier ausstrahlend in ganz Österreich noch immer die kulturelle Funktion einer kardinalen Hegemonie-Institution. Aber hat es das wirklich? Sicher, dieses Thea­ter wird seit Jahrzehnten und noch länger vom Bildungsbürgertum auf diese Weise hochstilisiert. Aber wer besucht das Theater überhaupt? Wir haben nur alte Daten. Aber dass die Beteiligung zugenommen hat, ist praktisch auszuschließen. Es läuft etwa auf ein Zehntel der Bevölkerung hinaus, die praktisch ausnahmslos der akademischen Bildungsschicht angehören. 

Und er erhält dies, wie schaut es mit der Finanzierung aus? Das Burgtheater erzielte ohne öffent­liche Beiträge in der Saison 2022/23 nur 21,3 % seiner Ausgaben durch eigene Einnahmen. 1995, also in der Peymann-Zeit, war dieser Anteil auf 8,6 % gesunken gewesen, also ein Zwölftel der Kosten.

Die Kultur dem Markt zu entziehen, ist seit je eine Forderung der angeblich Progressiven. Diese Forderung endet in Wirklichkeit damit, die Bevölkerung für den Luxuskonsum der oberen Schichten aufkommen zu lassen. Kann mir eigentlich jemand erklären, warum Kultur und Kultur-Produkte keine Waren sein dürfen, aber Lebensmittel, Brot, Gemüse, Obst, Fleisch schon?

Damit ist der Anspruch, den Wildgans geäußert hat, und der heute wieder verstärkt kommt, schon klargestellt: Es geht nur und ausschließlich um die Obere Mittelschicht. In diesem Punkt hat sich nichts geändert. Gewandelt hat sich die Ideologie. Geändert hat sich das Personal. Früher wurden Franz Theodor Csokor und Karl Zuckmayr gespielt, und die waren nicht die Reaktionärsten. Brecht wurde bekanntlich noch von Friedrich Torberg, einem Sozialdemokraten, verhindert. Jetzt aber sind Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek dran. 

Die Linksliberalen haben seit einigen Jahrzehnten über diese Institutionen eine unbestrittene Hegemonie errungen. Peymann war Burgtheater-Direktor 1986 – 1999. Er war es, welcher dies durchsetzte. Aber: Ist dies Hegemonie? Heißt Hegemonie denn nicht die nahezu unbefragte erfolgreiche Durchsetzung der Grundkonzepte und der Werte-Basis? Woher kommt dann der erbitterte Streit in den Wiener Kultur-Zirkeln um dieses Theater? Doch auch innerhalb der hegemonialen Gruppen gibt es Streit und Konflikt, teils um die Ausgestaltung der Basis-Begriffe, teils schlicht um die Besetzung der Posten und die Pfründe.

Das Wiener Burgtheater wurde zum neuen Jesuiten-Theater der heimlich deutschnationalen und faktisch linksliberalen intellektualisierten Mittelschichten. Bezahlt wird diese Unterhaltungs-Maschinerie für die gutverdienende Kultur-Schikeria aber aus den öffentlichen Geldern, die von der Bevölkerung abgeliefert werden.

Am besten können wir diesen Wandel in der angeblich progressiven Kultur illustrieren mit einem neuen Skandälchen und einem aufschlussreichen Vergleich. Im Mai 1968 erschütterte die Hör­saal-Scheißerei im HS I des NIG ganz Österreich. Die Handelnden kamen vor Gericht. Heute will die Frau, pardon: die Künstlerin Florentina Holzinger auf eine öde und sterile Weise das Ganze als Urinbad in Venedig auf der Biennale wiederholen, als österreichischen Beitrag. Dafür be­kommt sie nun von der österreichischen Bundesregierung € 600.000,00. Allein das zeigt den poli­tisch völlig anderen Charakter dieser faden Idee. Aus dem radikalen Protest („Macht dies im Stephansdom!“ hatte Ossi Wiener gerufen) wurde ein bürokratie-gestützter Herrschafts-Anspruch einer kleinen Gruppe. Denn wer das ablehnt, ist nunmehr reaktionär und womöglich faschistoid. Dasselbe gilt für die Pride-Parade.

Hier könnte nun ein fatales Missverständnis auftreten. Heißt dies, dass die moderne Kunst und die Intellektuellen zurück gestoßen werden müssen? Dies wäre eine unsinnige Schlussfolgerung. Aber ich spreche hier nicht zufällig von Kultur; ich spreche also von Identitäten. Die wurden von der marxistischen Tradition seit je vernachlässigt.

 

Materielle Ungleichheit

Worüber hingegen nicht oder kaum mehr gesprochen wird, ist gesellschaftliche Ungleichheit im materiellen Sinn, im Einkommen, in den Lebens-Chancen. Der Großteil der Intellektuellen wurde inzwischen zu aktiven Propagandisten der Ungleichheit. Das ist auffällig nach dem Eindruck, den eine Zeitlang die „linken Akademiker“, die `68er, hinterlassen haben. Aber Zufall ist dies nicht. Die heutige sogenannte „Linke“, also im Wesentlichen die Lilis, aber auch ein guter Teil der Restlinken von seinerzeit, ist von einem gekennzeichnet: den Verlust des Klassenbegriffs überhaupt; oder bei den Restlinken: die fehlende oder verkümmerte Klassen-Analyse.

Das Beste, das man sich noch erwarten kann, ist der Hinweis auf die Ungleichheit, und zwar, weil dieser Hinweis sehr leicht in eine rein identitäre Richtung hin abgebogen werden kann. Immerhin. Es ist mittlerweile sehr bekannt, dass die Ungleichheit im kollektiven Westen seit mehreren Jahrzehnten stark steigt – und auch im Weltsystem selbst ist diese Entwicklung beobachtbar, wenn auch in vieler Hinsicht deutlich dialektischer.

Wem kommt die steigende Ungleichheit zugute?

Thomas Piketty hat schon vor Jahren mit einer Fülle von Daten nachgewiesen: Die Anteile des obersten Prozents, viel mehr noch des obersten Promilles und des obersten Zehntel-Promilles hat sich in jenen Gesellschaften, die er untersuchte (USA, das UK, Frankreich, die BRD, andere), massiv erhöht, ja vervielfacht. Das oberste Promille in den USA erhielt 1970 2,7 % der Einkom­men. 2007 war der Wert auf 12,3 % gestiegen. In den Folgejahren ging dieser Anteil etwas zurück, wie es bei (vor allem) Profit-Einkommen in Krisen und Rezensionen die Regel ist.

Graphik 1: Ungleichheit in einigen Gesellschaften

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Quelle: Weltbank

Aber die Superreichen sind keineswegs die einigen Gewinner.

Es ist nun von höchster Bedeutung, was eine Studie, die vor wenigen Wochen erschien besagt. Ich zitiere nur den Titel: The Middle Class Is Shrinking Because of a Booming Upper-Middle Class. – Die Mittelschicht schrumpft, weil die Obere Mittelschicht boomt. (Zum besseren Verständnis: Unter Middle Class verstehen diese Autoren in US-Tradition auch die Oberen Unterschichten wie die gelernten Arbeiter.)

Für Österreich haben wir schlechte Daten. Während der Gini angeblich etwa gleich bleibt (ich weiß nicht, wer ihn hier rechnet!), zeigt der Blick auf die halbwegs verlässlichen Lohnsteuer-Daten eindeutig, dass auch hierzulande die Ungleichheit zunimmt. In den Lohnsteuerdaten sind auch die Manager, die Generaldirektoren, die obersten Beamtenschichten und ähnliche best verdienende Führungskräfte enthalten, sofern sie Angestellte bzw. nicht selbständig sind. Die Regressionsgerade, die rechnerische Trendlinie also, spricht seit den 1990ern, seit dem EU-Anschluss, eine eindeutige Sprache. Die Steigung gibt den Trend wieder. Sie ist im obersten Viertel trotz der Krise (oder wegen ihr?) um 3,5mal höher als im untersten. Das oberste Viertel gewinnt, das unterste verliert real (die Entwicklung ist in Marktpreisen gezeichnet).

Graphik 2: Die Entwicklung in Österreich

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Die Folgen dieser Verhältnisse sind seit mehreren Jahrzehnten wirtschaftlich und auch politisch zu erkennen.

Über was nahezu alle Beobachter, und insbesondere auch die bürgerlichen, einig sind: Wir befin­den uns in multiplen Krisen. So nennen sie die nicht mehr abzuleugnende Hegemoniekrise. Aber beachten wir wohl: Hegemonieverlust hat in den letzten eineinhalb Jahrhunderten immer wieder zu offenen Gewalt-Regimen geführt. Wir können so etwas wie einen Zyklus der politischen Formen konstatieren: Hegemoniegestützte Herrschaft schafft in hohem Maß die Integration der Unterschichten – Hegemonieverlust infolge verstärkter Ausbeutung und Ungleichheit – Zusam­menbruch der konsensorientierten Politik – gewaltgestützte Herrschaft in einem System verselb­ständigter Exekutivgewalt (Thalheimer 1928). Ein solches System war der Faschismus. Eine Entwicklung in die Richtung verselbständigter Exekutivgewalt müssen wir heute wieder feststel­len. Ich nenne dies den Trend zum Technofaschismus. Seinen Kern bildet die EU-Bürokratie: der EuGH, die EZB, die EU-Kommission. Dies kann jedoch nur im Zusammenspiel mit den nationalen Bürokratien funktionieren. Diese stützen sich sozial wesentlich auf die Oberen Mittelschichten und ihre linksliberalen Ideologen.

Der Hinweis auf die EU zeigt: Eine Analyse ohne die fundamentale globale Struktur ist unbe­dingt zum Scheitern verurteilt. Ohne sie können wir nichts verstehen. Eigentlich wissen wir dies, seitdem wir über Imperialismus diskutieren. Aber wir nehmen es nicht immer ernst und wörtlich genug.

Das politisches Verhalten der BRD seit dem Zweiten Weltkrieg, vor allem aber im letzten Jahrzehnt scheint oft geradezu unverständlich. Ihre Submissivität gegenüber den USA scheint alle Grenzen zu überschreiten. Dies wurde geradezu stoßend bei einzelnen Episoden, etwa erst der Diskussion um und dann der Sprengung der Northstream-Pipeline. Ein Erklärungs-Ansatz muss sicher sein, dass inzwischen auch in der BRD das Finanzkapital in seiner neuen Form die domi­nante Gruppe innerhalb des Kapitals schlechthin ist. Das aber ist inzwischen kein deutsches Kapital mehr, sondern ein atlantisches. Jedenfalls wird damit sofort klar, dass deutsche Regierungen auf die Vertretung „deutscher Interessen“ – gemeint sind solche eines größeren Teils der Bevölkerung – weitgehend verzichten. Dazu kommt die Koalition von Finanzkapital und Oberer Mittelschicht, insbesondere des überwiegenden Teils der deutschen Intellektu­ellen. Ideologisch läuft sie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs unter dem Motto der „Westbindung“, also des Verzichts auf spezifisch nationale Interessen und Anliegen. Bei den Intellektuellen ist dies insbesondere in der fast sklavischen US-Abhängigkeit der Akademiker ausgeprägt.

 

Und die Folgen? Die Strategie?

Die Unterklassen und speziell die schrumpfende Arbeiterklasse steht in Österreich und in Europa in der Zwischenzeit eindeutig auf der Seite der populistischen Rechten. Oder sagen wir besser; Sie wählen in ihrer Mehrzahl diese Rechte. Denn diese bildet die einzige sichtbare Opposition gegen den radikalen Zentrismus der politisch Herrschenden und ihrer Intellektuellen Bei den NRW 2024 haben 50 % der Arbeiter ihre Stimme der FPÖ gegeben, nur 20 % der SPÖ.

Hier beginnen nun unsere Probleme. 

Folgt man meiner Logik der eindeutigen Orientierung an der Klassen-Situation, stellt man sich eindeutig auf die Seite der Unterklassen, der Ausgebeuteten und Unterdrückten, dann scheint es, als ob nur eine linke Strategie möglich wäre: jene der Zusammenarbeit mit Kräften, welche keineswegs links orientiert sind. 

Aber wir wissen zweierlei sehr gut:

  1. Die populistische Rechte vertritt die Arbeiter und die Unterschichten nur in einer wahltakti­schen Manier. Wir brauchen wohl kaum an die Erfahrungen in Österreich, aber auch anderswo erinnern. Sobald die FPÖ in einer Regierung war, hat sie ausschließlich die Mehrheitsbeschaf­ferin für die neoliberale Politik der ÖVP gespielt. Ja noch mehr: Die FP-Ministerinnen Riess-Passer und Hartinger-Klein haben sich als besondere Hetzerinnen gegen Arbeiter und Angestellte hervorgetan. Dasselbe lässt sich von einer Weidel-AfD erwarten, von der Le Pen; von der Meloni wissen wir es ja schon. Kurz: Diese Kräfte sind nützlich, um die Hegemonie des Zentrums (SPÖ/ ÖVP/Neos/Grüne) aufzubrechen und zu zertrümmern. Aber sie sind keine Bündnispartner. 

(2) Viele Anliegen der Linksliberalen sind, für sich genommen und ehrlich verfolgt, inhaltlich berechtigt. Wir können uns nicht um Themen sexueller Gleichheit, der Probleme der Migration oder kultureller Experimente herrumdrücken. Dass die Linksliberalen diese Themen als Herr­schaftsmittel und zum Kampf gegen Unten missbrauchen, macht sie nicht an sich ungültig.

Es scheint, als ob wir in einer Sackgasse gelandet wären.

Doch Aporien resultiere meist aus falschen Fragestellungen, und diese Sackgasse ist nicht zuletzt eine Folge einer geistigen und analytischen Trägheit, die sich seit einem Jahrhundert in der revolutionären Arbeiterbewegung, in der sozialistischen Tradition breit gemacht hat. Das ist ein heikles Feld, das ich vorne schon angesprochen habe.

Hier kommen wir in außerordentlich unübersichtliche Verhältnisse hinein. Beginnen wir mit unseren theoretischen und politischen Wurzeln!

Marx hat nach den Texten über die Comune nur mehr wenig und nach 1875 fast überhaupt nichts mehr geschrieben. Eine wichtige Ausnahme war die „Kritik des Gothaer Programms“. Engels dagegen schrieb viel; aber glitt immer mehr in einen Reformismus und – man kann es fast so nennen – in einen Revisionismus ab. Sein Sekretär Eduard Bernstein wird dies zwei Jahrzehnte später systematisieren. Der Kampf gegen den Revisionismus schließlich führte bald zu einer Dogmatisierung von Positionen, auf denen Marx und Engels Mitte der 1870er standen. Hier denke ich hauptsächlich an Lenin, der Engels stets mit Zähnen und Klauen verteidigt. Kautsky, dieses Muster an Zweitinternationalistischen Sozialismus, hat er bis 1917 bewundert und sich an ihn gehalten. Gegen ihn tritt er erst auf, als sich Kautsky gegen die Oktoberrevolution wendet. Selbst dann schrieb er immer wieder: „Als Kautsky noch Marxist war…“. Er hat seine schweren theoretischen Irrweg gar nicht realisiert. Oder deutlicher: Die Entwicklung des Marxismus als theoretischer Ansatz blieb vor eineinhalb Jahrhunderten weitgehend stehen.

Das betrifft erstrangig die Klassen-Analyse: den absolut zentralen Teil jeder revolutionären Theorie. Wir kennen die Debatten über die Neue Arbeiterklasse und die Frage, wer dazu gehört. Es war in den 1970ern verschleiert nicht zuletzt eine Debatte um die neue technische Intelligenz, schließlich um die Intellektuellen in ihrer Gesamtheit. Hier ist aber eine weitere Frage zu stellen: Die Linksliberalen sprechen immer wieder von den „Modernisierungs-Verlierern“. Das ist bei ihnen meist ein zynischer Ausdruck dafür, dass sie die Unterschichten insgesamt verächtlich als Ballast abtun. Aber dahinter verbirgt sich ein echtes und grundlegendes Problem. In der Sprache unserer Tradition heißt es: Wer sind die Träger der historischen Entwicklung? Können wir fortfahren, von der Arbeiterklasse zu sprechen, wenn diese in ihrem Umfang immer mehr schrumpft? Den Begriff einfach auf neue Kategorien auszuweiten, ist ein Taschenspieler-Trick. Das ist ein inellektuelles Falsch-Spiel.

In den entwickelten Ländern sind die (Industrie-) Arbeiter nur mehr eine eher schon kleine Schicht, und diese nimmt in ihrem zahlenmäßigen Umfang ständig ab. In den aufstrebenden Schwellenländern nimmt ihr Umfang allerdings zu, und dasselbe ist zu erwarten, wenn die schlechtest entwickelten Länder doch einmal einen Take-Off schaffen sollten. Trotzdem ist abzusehen: Die Produktions-Arbeiter werden niemals eine Mehrheit der Bevölkerung bilden, sondern auch global in eine absteigende Kurve eintreten.

Hier zeigt es sich besonders klar: Die Klassen-Analyse setzt – nicht nur, aber vorrangig – auf der Politischen Ökonomie auf. Auch diese blieb stecken. Wirklich wichtig unter den späteren Arbei­ten waren nur mehr Lenins Imperialismus-Theorie (1916) auf der oft genug zweifelhaften Grundlage des Hilferding’schen „Finanzkapitals“ (1910). Beide stammen also aus der Zeit vor und im Ersten Weltkrieg. Mit anderen Worten: Wir haben auch hier eine Lücke in der Analyse von etwa einem Jahrhundert.

Dazu gibt es theoretischen Ballast, den wir seit dieser Zeit mitschleppen. Nur im Vorübergehen sei bemerkt: Eine der wichtigsten davon ist das sogenannte „Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate“. …

Damit stellt sich die Frage: Macht es zuerst analytisch, dann politisch Sinn, sich auf eine historisch in einer Epoche spezifische Klasse zu setzen. Es geht nicht (mehr) um „die Arbeiter­klasse“, sondern um jene Klassen, welche Produktion und Verteilung erledigen und ausgebeutet werden. Es geht um die arbeitenden Unterschichten. Das waren noch vor zwei Jahrhunderten großmehrheitlich die Bauern. Das waren dann die Arbeiter. Wir können kaum sagen, wer das in einem halben Jahrhundert sein wird.

Worauf will ich hinaus?

Die wirkliche Linke ist nahezu verschwunden. Das ist teils die effektive Herrschaft der neuen Formation des Kapitals und der Bürokratie. Aber warum konnte sie so erfolgreich sein? Weil die Politik der Linken fehlgeleitet war. Und das wiederum ruht auf einer irregegangenen Analyse und Theorie auf. Wir können natürlich mit Hegel sagen: Umso schlimmer für die Wirklichkeit. Damit werden wir aber nicht weit kommen.

Es wird Zeit, abzubrechen und hier Schluss zu machen. 

Ich schlage vor: Beginnen wir mit einer neuen Bestandsaufnahme der realen Probleme der Menschen! Daraus ist ein neuer Theorie-Ansatz zu entwickeln. Wir befinden uns im Grund in einem Zustand, wie ihn Marx im Jahr 1840 erlebt hat. Wir haben somit wieder einen langen Weg vor uns. Nehmen wir ihn unter die Füße!

Adorno, Theodor W. (1958), Philosophie der neuen Musik. Frankfurt / M.: EVA.

Balet, Leo / Gerhard, E. (1981), Die Verbürgerlichung der deutschen Kunst, Literatur und Musik im 18. Jahrhundert. Frankfurt / M.: Ullstein.

Gillman, Joseph M. (1969), Das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate. Frankfurt: EVA.

Rosdolsky, Roman (1964), Friedrich Engels und das Problem der “geschichtslosen Völker”. Die Nationalitätenfrage in der Revolution 1848 – 1849 im Licht der Neuen Rheinischen Zeitung. Archiv für Sozialgeschichte 4, 87 – 282.

Rose, Stephen J. / Winship, Scott (January 2026), The Middle Class Is Shrinking Because of a Booming Upper-Middle Class. AEI

Thalheimer, August (1928), Über den Faschismus. www.marxists.org/deutsch/archiv/thalheimer/1928/xx/ fasch.htm#:~:text=Schließlich%20finden%20w

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