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Rede von Sali auf der Kundgebung gegen das Kopftuchverbot

2. Juli 2026

 

Liebe Anwesende,

ich stehe heute nicht nur als Lehrerin vor euch.

Ich stehe hier auch als Frau.

Und ich stehe hier als Tochter einer Familie, die selbst erfahren hat, was es bedeutet, zwischen unterschiedlichen Kulturen aufzuwachsen und sich seinen Platz in dieser Gesellschaft zu erkämpfen.

Deshalb ist diese Debatte für mich nicht einfach ein politisches Thema.

Sie ist keine Schlagzeile und keine theoretische Diskussion.

Sie berührt mich persönlich.

Denn jedes Mal, wenn über ein Kopftuchverbot gesprochen wird, habe ich das Gefühl, dass wieder einmal über Menschen gesprochen wird, statt mit ihnen.

Wieder einmal wird über Mädchen gesprochen, die man kaum kennt.

Über ihre Zukunft.

Über ihre Freiheit.

Über ihren Körper.

Über ihre Entscheidungen.

Und wieder einmal sitzen Menschen in Fernsehstudios, Parlamenten und Ministerien und diskutieren darüber, wie muslimische Mädchen leben sollen.

Aber wer fragt diese Mädchen eigentlich selbst?

Wer hört ihnen zu?

Wer interessiert sich für ihre Träume, ihre Ängste, ihre Hoffnungen?

Ich arbeite jeden Tag mit jungen Menschen.

Ich sehe ihre Gesichter.

Ich höre ihre Geschichten.

Und ich sehe, wie sehr sie sich wünschen, einfach dazuzugehören.

Einfach akzeptiert zu werden.

Einfach sie selbst sein zu dürfen.

Viele meiner Schüler*innen wachsen mit dem Gefühl auf, sich ständig beweisen zu müssen.

Dass sie härter arbeiten müssen.

Dass sie besser sein müssen.

Dass sie sich erklären müssen.

Und jetzt sollen wir ihnen sagen:

„Du bist willkommen – aber nur, wenn du aussiehst, wie wir es für richtig halten.“

Was für eine Botschaft ist das?

Was für eine Gesellschaft wollen wir sein?

Eine Gesellschaft, die Mädchen stärkt?

Oder eine Gesellschaft, die Mädchen kontrolliert?

Denn genau darum geht es.

Es geht nicht um Stoff.

Es geht nicht um ein Kleidungsstück.

Es geht um die Frage, wer Macht über das Leben von Mädchen haben soll.

Und ich frage euch:

Seit wann ist Freiheit etwas, das man verbieten kann?

Seit wann schaffen wir Gleichberechtigung dadurch, dass wir jungen Frauen Vorschriften machen?

Als Frau macht mich diese Debatte wütend.

Denn Frauen kämpfen seit Generationen für das Recht, selbst über ihren Körper zu entscheiden.

Für das Recht, eigene Entscheidungen zu treffen.

Für das Recht, gehört zu werden.

Und jetzt wird ausgerechnet im Namen der Frauenrechte darüber gesprochen, Mädchen ihre Entscheidung abzunehmen.

Das ist ein Widerspruch.

Und das ist keine Befreiung.

Denn Befreiung kann nicht bedeuten, dass andere für dich entscheiden.

Befreiung bedeutet, selbst entscheiden zu dürfen.

Ich denke an all die Mädchen, die jeden Morgen in die Schule gehen.

Die Ärztinnen werden wollen.

Lehrerinnen.

Ingenieurinnen.

Künstlerinnen.

Politikerinnen.

Mädchen voller Talent, voller Mut und voller Potenzial.

Und ich frage mich:

Warum reden wir nicht darüber, wie wir ihre Chancen verbessern können?

Warum reden wir nicht darüber, wie wir Schulen gerechter machen können?

Warum reden wir nicht über Armut, Bildungsungleichheit oder fehlende Unterstützung?

Warum wird stattdessen immer wieder über die Kleidung von Mädchen diskutiert?

Ich glaube, weil es einfacher ist.

Es ist einfacher, über Kopftücher zu sprechen als über soziale Ungerechtigkeit.

Es ist einfacher, Symbolpolitik zu machen, als echte Probleme zu lösen.

Aber wir dürfen das nicht akzeptieren.

Denn hinter dieser Debatte stehen echte Menschen.

Echte Mädchen.

Echte Familien.

Menschen, die jeden Tag das Gefühl bekommen, dass sie sich rechtfertigen müssen, um dazuzugehören.

Und ich kenne dieses Gefühl.

Viele Menschen mit Migrationsgeschichte kennen dieses Gefühl.

Dieses Gefühl, ständig beweisen zu müssen, dass man dazugehört.

Dass man österreichisch genug ist.

Modern genug ist.

Angepasst genug ist.

Aber Zugehörigkeit darf keine Prüfung sein.

Menschenwürde darf nicht von Bedingungen abhängen.

Und Respekt darf nicht davon abhängen, wie jemand aussieht.

Liebe Freundinnen und Freunde,

ich wünsche mir eine Schule, in der jedes Kind mit offenen Armen empfangen wird.

Eine Schule, die sagt:

Du bist willkommen.

Mit deiner Geschichte.

Mit deiner Sprache.

Mit deiner Religion.

Mit deinen Träumen.

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die Mädchen nicht erklärt, wer sie sein sollen, sondern sie dabei unterstützt, selbst herauszufinden, wer sie sein wollen.

Und ich wünsche mir Politikerinnen und Politiker, die endlich anfangen zuzuhören.

Die nicht über Menschen entscheiden, ohne ihre Lebensrealität zu kennen.

Die nicht Angst und Spaltung fördern, sondern Zusammenhalt.

Denn am Ende geht es nicht nur um muslimische Mädchen.

Es geht darum, welche Art von Gesellschaft wir sein wollen.

Eine Gesellschaft der Kontrolle.

Oder eine Gesellschaft der Freiheit.

Eine Gesellschaft der Ausgrenzung.

Oder eine Gesellschaft der Solidarität.

Ich weiß, auf welcher Seite ich stehe.

Ich stehe auf der Seite der Freiheit.

Auf der Seite der Selbstbestimmung.

Auf der Seite der Würde.

Und auf der Seite jedes Mädchens, das das Recht hat, selbst über sein Leben zu entscheiden.

Und ich möchte heute auch etwas ganz klar sagen:

Von einer Bildungsdirektion erwarte ich mir mehr.

Ich erwarte mir mehr Mut, wenn es darum geht, die Interessen unserer Schüler*innen zu vertreten.

Ich erwarte mir mehr Einsatz für die Menschen, die jeden Tag in unseren Schulen arbeiten.

Denn wir erleben die Realität vor Ort.

Wir sehen die Herausforderungen.

Wir sehen die Überlastung.

Wir sehen, wo Unterstützung fehlt.

Deshalb brauchen wir Verantwortliche, die nicht nur verwalten, sondern gestalten. Die nicht nur auf politische Vorgaben reagieren, sondern sich aktiv für bessere Bedingungen einsetzen.

Unsere Schülerinnen verdienen Fürsprecherinnen.

Unsere Lehrer*innen verdienen Rückhalt.

Und unsere Schulen verdienen Entscheidungsträger*innen, die sich mit Nachdruck für eine Bildung einsetzen, die allen Kindern gerecht wird.

Denn Bildung darf niemals nur eine Verwaltungsangelegenheit sein.

Bildung ist die Zukunft unserer Gesellschaft.

Und genau deshalb brauchen wir von allen Verantwortlichen – auch von der Bildungsdirektion – mehr Engagement, mehr Haltung und mehr Einsatz für die Menschen, die Schule jeden Tag mit Leben füllen.

Vielen Dank. ✊🏽❤️

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