Antifa als Instrument der Herrschenden?

Seminar
Details
Date: 
Samstag, 25. Februar 2023 - 13:00
City: 
Wien
9, Rögergasse 24-26
Antifa als Instrument der Herrschenden?
Faschismus - aktuelles politisches Problem oder Nutzung durch die Eliten?

Willi Langthaler, Antiimperialist: Antifa als Herrschafts-Ideologie

Franz Sölkner, Palästinasolidarität: Der Antisemitismus und seine Nutzung heute

Thomas Zechner, Historiker: Antisemitismus in Österreich-Ungarn und seinen Nachfolgestaaten

Nadia Kovacs, Aktivistin: Von der Antifaschistischen Aktion zur Roten Fahne

Irina Vana, Soziologin: Nationalsozialismus – historische Funktion und schwarzer Mythos

Ortwin Rosner, Philosoph: Wie die Waldheim-Affäre die Antifa umdrehte

Thomas Oysmüller, Journalist: Die Neoliberalisierung der Linken am Beispiel Antifa

Albert F. Reiterer, Publizist: Der Faschismus als Klassen-Bewegung seinerzeit und heute – Mittelklassen und Intellektuelle.

 

Wahrscheinliches Ende des ersten Teils. Datum der Fortsetzung wird noch bekanntgegeben.

 

Nadia Kovacs, Betreuerin: Die Besonderheiten des Austrofaschismus und die Parallelen zu Faschismen am Balkan

Irina Vana, Sozialaktivistin: Die Kapitulation des Austrofaschismus vor den Nazis und die Chance der Wiedererstehung der Arbeiterbewegung als Wegbereiter der österreichischen Nation

Thomas Zechner, Historiker: Traditionale Herrschaft und faschistische Bewegungen am Beispiel Ungarn

Albert F. Reiterer, Publizist: Italien: Sonderfall oder Paradigma? Sowie: die Domestizierung des Antifaschismus im Nachkrieg

Willi Langthaler, Autor: war die Niederlage der Arbeiterbewegung und der Kommunisten gegen die Nazis unvermeidlich?

Georg Vavra, Historiker: der Banderismus in der Ukraine – eine moderne faschistische Bewegung oder gar ein Regime?

 

um Anmeldung wird gebeten: aik@antiimperialista.org

 

Idee des Seminars ist es, ein zentrales politisches Problem der Gegenwart anzusprechen. Der Faschismus-Vorwurf ist allgegenwärtig. Doch gibt es Zentrumseuropa tatsächlich relevante politisch-soziale Phänomene, die substanzielle Analogien mit dem historischen Faschismus aufweisen und von denen folglich eine vergleichbare Gefahr ausgeht? Nicht nur wir bezweifeln das. Warum wird dann der Vergleich so häufig bemüht und die Bedrohung an die Wand gemalt, insbesondere auch von der eingemeindeten Linken? Wir unterstellen eine Benutzung durch die herrschenden neoliberalen Eliten, um sich selbst zu legitimieren. Frappant ist gleichzeitig, dass dort, wo tatsächlich vergleichbare Bewegungen auftreten wie in Israel oder gegenwärtig in der Ukraine, darüber geschwiegen wird.

Methodisch wollen wir von der Gegenwart ausgehen und uns die Geschichte hinunterbewegen. Das heißt einerseits den sich verändernden Umgang der Eliten mit dem Faschismus und dessen ideologische Bewirtschaftung zu beleuchten, andererseits auch einen kritischen Blick auf das zum Absolut Bösen und damit der Geschichte entrückten Ereignis zu werfen, eben es zu rekontextualisieren. Es ist die verschüttete Fragestellung nach der historischen Funktion des Faschismus für die Eliten in den Mittelpunkt zu stellen. Dabei stellt sich natürlich auch das Problem einer sinnvollen Definition. Und schließlich soll die gegenwärtige autoritäre Wende im Lichte des beschriebenen historischen Durchgangs diskutiert werden.

Es leuchtet ein, dass das anvisierte Programm an einem Nachmittag nicht erschöpfend behandelt werden kann, zumal es um essentielle Herrschaftsideologeme geht. Aber es ist ein Anfang und wir bemühen uns um eine Fortsetzung.

Nachstehend ein Grobkonzept einer Struktur

 

Faschismus – ein aktuelles politisches Problem?

· Emotionalisierte Gleichsetzung mit Faschismus: Definitionsproblem

· Protesttendenz gegen Neoliberalismus und Extreme Mitte (“Rechtspopulismus”) gleichgesetzt mit Faschismus

· Instrumenteller Vorwurf der antisemitischen Verschwörungsideologie

· Gleichsetzung Widerstand gegen Imperialismus mit Faschismus (“neue Hitlers”)

· „Rassismus gleich Faschismus“ – postmoderner Antirassismus als Kastrierung des antiimperialistischen Widerstands und die Frontstellung gegen den sozialen Protest im Westen

 

Antifaschismus und Wandel des Erinnerungsnarrativs

· Antifaschistische Aktion und Widerstand

· Antifaschismus und Studentenbewegung

· Opfer- und Täterthese: Antifaschismus als politisches Werkzeug der Eliten

· Antifa heute: „Alle hassen Nazis!“

· Totalitarismustheorien

· Österreichische Nation: progressiv oder reaktionär?

 

Historischer Faschismus: Italien, Deutschland, Österreich, Ungarn, Spanien, Baltikum

 · Unterschiedlichen Voraussetzungen und damit unterschiedlichen Ausprägungen faschistischer Bewegungen und faschistischer Regime

· Faschismus als Konzept des präventiven Bürgerkriegs für die Kapitalherrschaft

· War die Niederlage der Kommunisten im Besonderen und der Arbeiterbewegung im Allgemeinen unvermeidlich?

 

Der neue Autoritarismus und die „cybernetische“ Wende

· Postdemokratie und/oder Technofaschismus

· Corona-Ausnahmezustand

· Der aktuelle Faschismus, über den nicht gesprochen werden darf: Banderismus in der Ukraine

· Verordnete Meinung, gepanzerte Demokratie

· Trump und das Kapitol

· „Verschwörungstheorie“

· Rechte Sozialproteste?

 

Literaturempfehlungen von Albert F. Reiterer

 

Allgemeines

 

Togliatti, Palmiro (1976 [1934 / 35]), Lezioni sul fascismo. Roma: Riuniti. Deutsche Ausgabe: Verlag Marxistische Blätter 1973). – Das Beste, was es allgemein über Faschismus gibt, trotz Togliattis opportunistischer und stalinistischer Haltung.

Tasca, Angelo (1967), Nascita e avvento del fascismo . 2 vol. Bari: Laterza (Erstmals: L'Italia dal 1918 al 1922. La nuova Italia. Firenze: Scandicci). (Deutsch: Glauben, gehorchen, Kämpfen. Aufstieg des Faschismus in Italien. Europa Verlag 1969.) – Tasca war, als er dies schrieb, bereits Reformist und Sozialdemokrat; doch der Text ist sehr informativ.

Häusler / Fehrenschild (2020), Faschismus in Geschichte und Gegenwart. Ein vergleichender Überblick zur Tauglichkeit eines umstrittenen Begriffs. Berlin: Rosa-Luxemburg-Stiftung. – Die heutige Sicht dieses Think tanks der deutschen LINKS-Partei.

Kühnl, Reinhard (1971), Formen bürgerlicher Herrschaft. Liberalismus, Faschismus. Hamburg: Ro­wohlt. – Etwas Kurzes und insofern Informatives, als er den Faschismus als Herrschafts-System alternativ zum Parlamentarismus darstellt.

Nolte, Emil (1966), Die faschistischen Bewegungen. Die Krise des liberalen Systems und die Entwick­lung der Faschismen. Dtv-Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, Band 4. München: dtv. – Der alte Revisionist gibt einen guten Überblick über faschistische Ansätze in ganz Europa.

 

Spezielles

 

Benz, Wolfgang (1990), Herrschaft und Gesellschaft im nationalsozialistischen Staat. Studien zur Struktur und Mentalitätsgeschichte. Frankfurt / M.: Fischer.

Botz, Gerhard (2016), Strukturwandlungen des österreichischen Nationalsozialismus. Historical Social Research, Supplement, 28, 214 – 240.

Burnham, James (1949), Die Revolution der Manager. Wien: Verlag des österreichischen Gewerk­schaftsbundes. Original 1941: The Managerial Revolution. New York: John Day. – Das könnte man als eigentliche theoretische Grundlage für den neuen, den heutigen Faschismus bzw. Autoritarismus lesen.

Canetti, Elias (2001), Masse und Macht. Wesentliche Zusammenhänge zum Verständnis unseres Zeitalters. Frankfurt / M.: Fischer.

Conti, Giuseppe (2020), Verso il 25 luglio: le forze armate fra partito fascista e milizia. In: L’Ultima seduta, 81 – 102.

De Felice, Renzo (1965 ssg.), Mussolini. 5 Vol. (I: M. il revoluzionario; II, III: M. il fascista; IV, V: M. il duce). Torino: Einaudi. – (Eigentlich 7 Bände.) – Im Detail manchmal aufschlussreich, im Grund aber keineswegs unentbehrlich, trotz seiner Hochschätzung in der italienischen Accademia.

De Felice, Renzo (1975/2018), Intervista sul fascismo. Bari. Laterza.

De Felice, Renzo (1972), Le interpretazioni del fascismo. Bari: Laterza.

Dimitroff, Georgi (1975), Die Offensive des Faschismus und die Aufgabe der Kommunistischen Inter­nationale im Kampf für die Einheit der Arbeiterklasse gegen den Faschismus, 2. August 1935. In: Institut für ML beim ZK der SED, VII. Kongress der Kommunistischen Internationale, Referate und Resolutionen. Berlin: Dietz, 91 – 164. – Der klassische Text der Dritten Internationale, und deswegen Pflichtlektüre.

Eichholtz, Dietrich / Gossweiler Kurt, Herausgeber (1980): Faschismus-Forschung –Positionen – Probleme – Polemik. 2., durchgesehene Auflage. Berlin: Akademie-Verlag (1. OCR-Texterkennung Max Stirner Archiv Leipzig – 08.11.2019), - DDR-Auffassungen, informativ.

Gentile, E. (2020), Il verbale che non c’è. Alcuni considerazioni sui nuovi documenti inediti riguardanti l’ultima seduta del Gran consiglio. In: In: L’Ultima Seduta del Gran Consiglio del fascismo nelle carte Federzoni acquisite dell’Archivio centrale dello Stato. Roma: Pubblicazioni degli Archivi di Stato.

Gramsci, Antonio (1971), Quaderni del carcere. Introduzione di Luciano Gruppi. Roma: Riuniti (6 vol.). Bzw.: Gramsci, Antonio (1975), Quaderni del carcere. Edizione critica dell'Istituto Gramsci. A cura di V. Gerratana. Torino: Einaudi. – Verstreut eine Reihe von Bemerkungen.

Griffin, Roger (1993), The Nature of Fascism. London: Routledge. – Der Grundtext der “neuen [akademischen] Faschismus-Theorie“. Wichtig für die akademische Ideologie, aber nicht wirklich aufschlussreich.

Griffin, Roger (2007), Modernism and Fascism. The Sense of a Beginning under Mussolini and Hitler. New York: Palgrave Macmillan.

Griffin, Roger (2008), A Fascist Century. Essays. New York: Palgrave Macmillan.

Kater, Michael H. 1971(), Zur Soziographie der frühen NSDAP. In: Vierteljahreshefte für Zeitge­schichte 19, 124 – 159. – Aufschlussreich.

Kindermann, Karl Gottfried (1984), Hitlers Niederlage in Österreich. Bewaffneter NS-Putsch, Kanz­lermord und Österreichs Abwehrsieg von 1934. Hamburg: Hoffmann und Campe. – Apologie des Austrofaschismus.

Kühnl, Reinhard (1975), Probleme einer Theorie über den internationalen Faschismus. Teil II: Empirische Untersuchungen und theoretische Interpretationen. In: Politische Vierteljahresschrift 16, 89 – 121

Laqueur, Walter, ed.(1976), Fascism. A Reader’s Guide. Analyss, Interpretation, Bibliography. Berkeley: Univ. of Cal. Press.

Large, Stephen S. (2007), Oligarchy, Democracy, and Fascism. In: A Companion to ,Japanese History – Was war eigentlich der Unterschied zwischen der japanischen “Demokratie” 1918 – 32 und dem folgenden Faschismus? Fast nichts. Insofern lesenswert, sonst eher öd.

Lenin, Wladimir Iljitsch (1977 [1915]), Imperialismus und Sozialismus in Italien. LW 21, 361 – 371.

Lenin, W. I. (1973), Fünf Jahre russische Revolution und die Perspektiven der Weltrevolution. Referat auf dem IV. Kongress der Komintern, 13. November 1922. In: Lenin Werke 33, 404 – 418.

L’Ultima Seduta del Gran Consiglio del fascismo nelle carte Federzoni acquisite dell’Archivio centrale dello Stato. Roma: Pubblicazioni degli Archivi di Stato.

Moore, Barrington (1974), Soziale Ursprünge von Demokratie und Diktatur. Frankfurt / M.: Suhrkamp. – Nicht uninteressant, aber es führt in die Irre.

Moos, Carlo (20121)., Hg., (K) Ein Austrofaschismus? Studien zum Herrschaftssystem 1933 – 1938. Wien: Lit.

Mussolini, Benito (1927), Discorso dell’Ascensione. Roma: Libreria del Littorio. – Laut vielen Autoren ein Schlüsseltext zum Aufbau der eigentlichen faschistischen Diktatur.

Mussolini, Benito (1927), Lo stato fascista. – Stamm ziemlich sicher nicht von ihm selbst, sondern von einem ghostwriter.

Paxton, Robert O. (2004), The Anatomy of Fascism. New York: Knopf. – Wie Griffin.

Petersen, Jens (1975), Elettorato e base sociale del fascismo italiano negli anni venti. In: Studi Storici 16, 627 – 669.

Pinto, Antonio Costa (2012), The Nature of Fascism Revisited. New York: Columbia University Press.

Reich, Wilhelm (), Massenpsychologie des Faschismus. – In der Studentenbewegung zusammen mit Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse, viel gelesen. Beide entbehrlich.

Röhr, Werner (2001), Faschismus und Weltkrieg. – DDR-Auffassungen – zu stark auf reine monopolkapitalistische Interessen orientiert. Vernachlässigt die Autonomie des politischen Systems

Röhr, Werner (2007), Großkapital und Faschismus. Man kann nicht ewig hochrüsten ohne Krieg zu wollen. In: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung 72,

Rumi, Giorgio (1963), Mussolini e il ‘programma’ di San Sepolcro. In: Il movimento di liberazione in Italia, Fasc. 71, aprile – giugno, 3 – 26.

Salvemini, Gaetano (2018 [1961]), Le origine del fascismo in Italia. Lezione di Harvard. A cura di Roberto Vivarelli. Milano: Feltrinelli. – Ein Zwischenkriegszeit-”Linksliberaler”, trotzdem lesenswert.

Santarelli, Enzo (2018), Storia del fascismo. I: La crisi liberale. – II: La dittatura capitalista. – III: La guerra e la sconfitta. Milano: Res Gestae.  – Umfang- und detailreich. Der Autor war einer jener Linksfaschisten, die dann später zur KPI gingen.

Simon, Thomas (2021), ‘Austrofaschismus’ und moderne Faschismus-Forschung. In: Parlaments, Estates and Representation 41, 161 – 184.

Späth, Jens (2013), Was heißt Antifaschismus nach 1945? Das Beispiel der italienischen Sozialisten in westeuropäischer Perspektive. In: Archiv für Sozialgeschichte 53,

Staudinger, Eduard G. (1984), Die Alpine Montangesellschaft im Juli 1934. In: Blätter für Heimat­kunde [Steiermark] 58, 15 – 25.

Tálos, Emmerich (2013), Das austrofaschistische Herrschaftssystem Österreich 1933-1938, 2. Auflage Wien: Lit-Verlag

Tálos, Emmerich / Neugebauer, W. (1984), Hg., ‚Austrofaschismus’. Beiträge über Politik, Ökonomie und Kultur 1934 – 1938. Wien: Verlag für Gesellschaftskritik. (Neuausgabe: Lit Verlag, 2014).

Tálos, Emmerich; Wenninger, Florian (2017): Das austrofaschistische Österreich 1933–1938. . Wien: Lit-Verlag:

Tasca, Angelo (), La Controrivoluzione preventiva.

Togliatti, Palmiro (1972), Opere 2. Roma: Riuniti. (insbes.: Le basi sociali del fascismo [1926], 28 – 48. – A proposito sul fascismo [1928], 542 – 559. Weiters auch die Einleitung zu diesem Band von Paolo Spriano, insbes. S. CVVVI ssg.

Trotzki: Texte zum Faschismus - https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/faschism.htm
Wie wird der Nationalsozialismus geschlagen? - http://www.mlwerke.de/tr/1931/311208a.htm
Porträt des NS - https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1933/06/natsoz.htm

Vittoria, Albertina (2020), Luigi Federzoni, un breve profilo. In: L’ultima seduta…

Wehler, Hans-Ulrich (2009), Der Nationalsozialismus. Bewegung Führerschaft, Verbrechen. München: Beck. – Klassische deutsche Accademia.

Woller, Hans (1996), Die Abrechnung mit dem Faschismus in Italien 1943 bis 1948. München: Oldenbourg.

Woller, Hans (2001), Churchill und Mussolini. Offene Konfrontation und geheime Kooperation? In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 49, 563 – 594. – Als Succus (der vom Autor nicht gezogen wird) wichtig: Churchill persönlich war Faschist. Aber das war nicht entscheidend, weil das politische System im UK nicht faschistisch war.