Dara und die anderen

13.03.2021
Von T. Kojić
Am 20. Februar 2021 saßen 2,6 Millionen Serben vor ihren Fernsehern, um sich einen Film anzusehen. Den ersten Film, der das kroatische Konzentrationslager Jasenovac zum Thema hat: Dara aus Jasenovac von Predrag Antonijević. Bevor er überhaupt in Europa in die Kinos gekommen ist – der Film ist Serbiens Beitrag für den Oscar 2021 in der Kategorie Internationaler Film – schlug er schon im Vorfeld Wellen.

Die International Movie Database (IMDb) hatte die Bewertung des Films kurzzeitig ausgesetzt, am Tag der Premiere in den USA, am 5. Februar, konnte man ihm allerdings wieder elektronisch benoten. Die Deaktivierung erfolgte aufgrund einer negativen Kritik im bekannten Filmmagazin „Variety“. Und das wiederum führte zu Bewertungswettläufen zwischen (vermutlich) serbischen und kroatischen Nutzern der Plattform. Es wurden daraufhin Schlachten geschlagen, wer mehr (Serben) oder weniger (Kroaten) Punkte für oder wider den Film vergeben konnte.

Jay Weissberg von Variety hatte die Geschichte des Vernichtungslagers, auch genannt das „Auschwitz des Balkans“, als serbische Propaganda abgetan. Daraufhin folgte auch eine negative Kritik in der „Los Angeles Times“, in der der Kritiker Robert Abele an historischen Tatsachen glatt vorbeischrieb, als er meinte, dass „der Lagerkomplex Jasenovac eine weitere Hölle auf Erden für Juden“ war, jedoch „Regisseur Petar Antonijevićs Epos der Barbarei und Sentimentalität verdeutlichen will ist, dass die Vernichtung der ethnischen Serben der eigentliche Fokus war und dass serbische Kinder eigene Konzentrationslager bekamen.“[1]

Yes, Sir, that’s right, Sir, möchte man ihm entgegenrufen, das war die Intention, denn es wurden vor allem Serben vernichtet, aber auch Juden und Roma – Betonung auf auch. Und ja, es gab im Unabhängigen Staat Kroatien Konzentrationslager eigens für Kinder, und zwar drei: das KZ Sisak, das KZ Gornja Rijeka und das KZ Jastrebarsko. Es waren die einzigen Konzentrationslager ausschließlich für Kinder in ganz Europa.

Schule und Vernichtungslager

Eine Einzigartigkeit in der Geschichte der Vernichtungen während des Zweiten Weltkriegs: Es gibt kaum Ansätze zur Erforschung dieses Themas und diese wenigen Stränge existieren erst seit den 1990er Jahren, als sich deutsche Historiker mit dem Thema Kinder in den Konzentrationslagern, etwa im KZ Bergen-Belsen, auseinandersetzen. Kinder waren im Vernichtungsprozess fast chancenlos. Ein Kind, das nach Auschwitz kam, wurde selektiert und fast immer direkt umgebracht. Einem Kind, das nach Sisak oder Jastrebarsko kam, ging es ebenso, nur dass diese Lager ausschließlich ihnen vorbehalten waren. Sie wurden von ihren Müttern getrennt, die Mütter vor allem zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschickt oder umgebracht, die Kinder starben an allem erdenklichen Krankheiten und Hunger.

Das Konzentrationslager für Kinder in Jastrebarsko war ursprünglich als sogenanntes Umerziehungslager für serbische Kinder von einem Jahr bis zum 14. Lebensjahr geplant, in dem sie umgetauft und dann zu kroatischen Kindern umerzogen werden sollten, um dem Führer Ante Pavelić zu dienen. Fasst man jedoch kurz die Tatsachen zusammen, so war es ein Vernichtungslager. Es wurde im Juli 1941 in einem Schloss der Grafenfamilie Erdödy eingerichtet, als Unterbringungsorte dienten die Ställe des Schlosses, Baracken im Nachbarort Reka und ein Franziskanerkloster. Die Lagerverwaltung übernahmen Klosterschwestern – sie gehörten dem Orden Barmherzige Schwestern des Hl. Vinzenz von Paul an. Ziel war die Umerziehung der serbischen Kinder im Geiste des Ustaša-Regimes. Der erste Transport von 650 serbischen Kindern kam aus dem Lager Stara Gradiška am 12. Juli 1941 an, danach noch ein Transport von 770 Kindern aus ebendiesem Lager, nachdem man sie von den Müttern getrennt hatte. 50 Kinder kamen aus dem Ort Jablanac, 800 Kinder aus dem Lager Mlaka. Mlaka und Jablanac befanden sich in der Nähe der Orte Jasenovac und Stara Gradiška, wo große Konzentrationslager errichtet wurden. Allein in Stara Gradiška, ein KZ für SerbInnen, JüdInnen und Romija, wurden über 12.000 Frauen und Kinder getötet.

Am 14 August 1941 trafen weitere 150 Kinder aus Gornja Reka in Jastrebarsko ein. Insgesamt waren in diesem KZ 3.336 Kinder untergebracht, die an Durchfall, Typhus, vielen anderen Infektionen sowie Hunger starben. Es gibt präzise Aufzeichnungen des Totengräbers Franjo Ilovar, der offenbar recht gewissenhaft seiner Arbeit nachging. Die insgesamte Sterbezahl beläuft sich auf 768 Kinder. Die Partisanen befreiten das Lager am 26. August 1942 und konnten nur diejenigen Kinder mitnehmen, die transportfähig waren: 727. Im Kinder-KZ Sisak starben über 4.000 Kinder, im KZ Gornja Rijeka etwa 200 von 400 Kindern. Zu diesen Todesstätten verfasste die kroatische Historikerin Narcisa Lengel-Krizman[2] in den 1970er Jahren eine Forschungsarbeit. Ihr zufolge wurden 1.637 Kinder aus dem KZ Jastrebarsko Familien in Zagreb und anderen Orten zugeteilt.

Zur 77. Kranzniederlegung in Jastrebarsko seitens antifaschistischer Verbände am 1. September 2019 nahmen der Bürgermeister und andere Vertreter der lokalen Stadtverwaltung nicht teil. Das Stadtoberhaupt Zvonimir Novosel bezeichnete das Kinder-KZ schon mal als „Heim für vernachlässigte Kinder“. In Österreich oder Deutschland hätte er dafür ein Strafverfahren wegen Wiederbetätigung bekommen.

In Kroatien schweigt man über die Massaker der Vergangenheit. Das hat gute Tradition: Man schwieg in Jugoslawien seit 1945, zu sakrosankt war im multi-ethnischen Staat die Balance zwischen den Nationalitäten. Ab den 1990er Jahren revidierte man in Kroatien schließlich Stück für Stück die Geschichte dieser Verbrechen, das Land trat dennoch problemlos 2011 der Europäischen Union bei. Im Gegensatz zu Deutschland (man denke an den knienden Willy Brandt in Warschau, um Vergebung bittend), gab es in den letzten acht Jahrzehnten kein Zeichen der Reue, keinen Versuch, um Vergebung zu bitten für die vielen Hunderttausend gefolterten, getöteten und vertriebenen Serben. Ohne moralische Schranken werden die verübten Verbrechen entweder hochgehalten oder als barmherziger Akt der Humanität dargestellt.

So auch die Politikwissenschafterin Nada Prkačin in der Sendung „Mein Kroatien“ vom 7. Mai 2018 auf dem Sender LTV, wo sie im Gespräch mit dem Politologen Igor Vukić davon erzählt, wie schlimm die Propaganda in Jugoslawien während ihrer Schulzeit gewesen sei und sie sich als Kinder die Ustašas als Monster mit Zähnen vorgestellt hätten, vor denen sie sich fürchteten. Über Jasenovac wurde geplaudert, nicht analytisch diskutiert: Es hätte dort, so Vukić, auch eine Schule für Buben gegeben. Am Vormittag allgemeine Gegenstände wie Kroatisch und Mathematik, am Nachmittag Praxisunterricht. So hätten einige Buben sogar die Lehre zum Automechaniker absolvieren können. Dann zählte er Männer auf, die Jasenovac überlebt und später in Jugoslawien Karriere im Sport oder der Wirtschaft gemacht haben. Dergleichen Verharmlosung fällt in Österreich ebenfalls unter das Verbotsgesetz 1947 StF StGBl. Nr. 13/1945 unter § 3g.[3]

Jasenovac war als Arbeitslager tituliert, aber Auschwitz und Dachau auch. Der Unterschied bestand darin, dass es in Jasenovac keine Gaskammern gab. Es kontrastierte lediglich das geordnete Töten wider dem wilden, irren Töten, das rational durchorganisierte versus dem impulsiven und grausamen, aber nicht weniger totalem Vernichten alles Nicht-Kroatischem. [4] In Jasenovac wurden 19.432 Buben und Mädchen im Alter von einem bis zum 14. Lebensjahr ermordet.[5]

Opferzahl

Die genaue Zahl der Opfer von Jasenovac lässt sich aufgrund der schwierigen Quellenlage nicht genau nicht ermitteln, viele Dokumente, Listen wurden vernichtet. Bis zum Ende Jugoslawiens lautete die offizielle Opferzahl auf 600.000 bis 700.000. Man deckte ein Mäntelchen des Schweigens darüber, niemand durfte über die Gräuel sprechen oder schreiben, aber die Zahl hielt sich vehement. Zum Schaden der seriösen Geschichtsforschung, die ernsthaft und äußerst konsequent hätte betrieben werden sollen und zwar so bald als möglich, also ab 1945. Wie viele Dokumente verschwanden, wird nie aufgeklärt werden. Jasenovac wurde zum Mythos, die Zahlen wurden rauf- und runterkorrigiert.

Nun haben sich die kroatische Seite, aber auch das Simon-Wiesenthal-Zentrum, sowie andere Institute auf circa 80.000 bis 90.000 eingependelt. Die Zahl, die vom deutschen Oberkommando der Wehrmacht an den aus Österreich stammenden „Deutschen Bevollmächtigten General in Kroatien“ Edmund Glaise-Horstenau erging, belief sich auf 300.000 bis 400.000 bis Ende 1943. Das fand der österreichische Zeithistoriker Hans Safrian heraus, der das Buch „Die Eichmann-Männer“ verfasste. Glaise-Horstenau, der von 1941 bis 1943 die Wehrmacht in Zagreb vertrat, wurde im Herbst 1944 wieder abberufen. Er hatte sich erfolglos beim Oberkommando der Wehrmacht über die Ustaši beschwert, was den Unmut des kroatischen Führers, Ante Pavelić, auf sich zog. Die Methoden der Ustaša wären entfesselt verrückt, die eigenen Leute sollten dem entzogen werde, es schade der eigenen Reputation.[6]

Vielleicht kann man sich so ein besseres Bild machen:

Nach der Volkszählung von 1931 lebten 1.790.000 Serben im Unabhängigen Staat Kroatien (NDH),1941 müsste sich die Anzahl auf 2.089.000 belaufen haben[7]: „Zur Gründung des Staates hatten wir etwa 30% Serben, nun haben wir durch die Verdrängung und Massakrierung nur noch 12-15%. Die in diesem Zusammenhang erfolgten Exzesse haben irgendwie doch für den kroatischen Staat positive Auswirkungen gehabt.“ So Ante Pavelić in einem Gespräch mit dem deutschen Sondergesandten Edmund Veesenmayer Anfang 1943 in einer schriftlichen Äußerung.[8]

Auch die Opferzahlen der gesamten Kriegstoten wurde in den 1960er Jahren in Jugoslawien nicht allzu ernsthaft analysiert. Im Zusammenhang mit den geforderten Reparationszahlungen an die BRD stufte man die Zahlen zuerst zu hoch ein (1,7 Millionen), um dann in weiterer Folge auf 600.000 zu kommen, was aber auch nicht stimmte, da es offenbar zu eilig und mit zwei Jahrzehnten Verspätung berechnet wurde. Hinzu kam, dass die Definition „Kriegsopfer“ zu vage war. Diese schlampige, unseriöse Vorgehensweise während der gesamten Tito-Ära verunmöglichte es, die historischen Vorgänge und der Opferzahlen wissenschaftlich zu erarbeiten. Heute geht man von einer insgesamten Zahl von 1,1 Millionen Kriegsopfer im gesamten jugoslawischen Raum aus.

Ein Film erinnert an den Völkermord

„Dara aus Jasenovac“ wirkt für viele SerbInnen wie ein Befreiungsschlag, ungeachtet seiner möglicherweise filmischen Schwächen. Allein die Tatsache, dass sich ein Film endlich an dieses Tabuthema wagt, das seit 1945 vielerlei Revision, Geschichtsfälschung und Zahlenstreit erlebt hat, ist positiv zu werten. Die Geschichte der Verfolgung, Zwangsumtaufung und Vernichtung der Serben durch den Unabhängigen Staat Kroatien ist in den Nachbarländern, die gerne Urlaub in Kroatien machen, nicht wirklich bekannt. In einem österreichischen Schulbuch für das Gymnasium etwa wird der Balkanfeldzug der deutschen Wehrmacht in nur einem Satz abgehandelt (Zeitbilder 7/8, Absatz 1): „Kroatien wurde ein selbstständiger faschistischer Staat. Serbien kam unter deutsche Militärverwaltung.“

Dass in Serbien so viele Menschen den Film im Staatsfernsehen sahen, war nicht nur der Pandemie geschuldet, in der das Kino rasanter abstirbt, als alle anderen Kulturgüter, sondern vor allem der politischen Missstimmung zwischen Kroatien und Serbien, die seit den 1990er Jahren nicht besser wurde. Vielleicht ist der Versuch, den Film schlecht zu bewerten, auch wenn man ihn nicht gesehen hat, ein Schuldeingeständnis? Vielleicht ist die filmische Annäherung an dieses Thema nicht erlaubt, wenn man sich an Adornos viel zitierte Aussage erinnert, dass „alle Kultur nach Auschwitz, samt der dringlichen Kritik, Müll“ sei? Mag sein, dass das ausweglos Furchtbare nicht darstellbar ist, aber auch Adorno stellte sich nicht gegen die Thematisierung des Holocaust in der Kunst, sondern eher gegen deren „wohlfeile Ästhetisierung“.

Bleibt festzuhalten, dass Serben, Juden und Roma im Ustaša-Staat Opfer eines Genozids wurden, sofern man die Definition von „Völkermord“ durch die Vereinten Nationen zugrunde legt: „Bei den Mordaktionen gegen Serben, Juden und Roma in Kroatien und Bosnien-Herzegowina handelte es sich nicht – jedenfalls nicht allein und in erster Linie – um ‚spontane‘ Exzesse in einem Bürgerkrieg bzw. um die Verteidigung der kroatischen Heimstätte gegen serbische Četnici und kommunistische Partisanen. Der völkische und rassistische Furor der Ustaše richtete sich gegen alles, was „unkroatisch“ (nehrvatsko) war.“[9]

Dafür benötigte man im NDH-Staat 24 Todes,- Anhalte und Arbeitslager, davon drei Konzentrationslager für Kinder. Entschuldigungen hierfür oder gar Reue fehlen in Kroatien bis heute.

Tatjana Kojić

Angestellte und Übersetzerin, Wien

[1] Robert Abele: Review: Holocaust drama ‘Dara of Jasenovac’ regrettably aims for settling scores‘, LA Times vom 4. Februar 2021

[2] Narcisa Lengel-Krizman: Befreiungsaktion der Kinder von Kozara und anderer aus den Lagern der Ustašas (Akcija spašavanja kozarske i druge dece iz ustaških logora); aus dem Buch Sammellager und Kindersammellager im nord-östlichen Teil Kroatiens 1941-1942 (Sammlung: Der Nord-Osten Kroatiens während des antifaschistischen Volksbefreiungskrieges und der Revolution 1941-1942) Sabirni logori i dječja sabirališta na području sjeverozapadneHrvatske 1941-1942. (zbornik: Sjeverozapadna Hrvatska u NOB-u i socijalističkoj revoluciji, Zagreb, 1976)

 

[3] Nach § 3g wird auch bestraft, wer in einem Druckwerk, im Rundfunk oder in einem anderen Medium oder wer sonst öffentlich auf eine Weise, daß es vielen Menschen zugänglich wird, den nationalsozialistischen Völkermord oder andere nationalsozialistische Verbrechen gegen die Menschlichkeit leugnet, gröblich verharmlost, gutheißt oder zu rechtfertigen sucht.

[4] Korb, Alexander: Im Schatten des Weltkriegs – Massengewalt der Ustaša gegen Serben, Juden und Roma in Kroatien 1941-1945, S. 372.

[5] Lukić, Dragoje: Bili su samo deca. Jasenovac – grobnica 19.432 djevojcica u djecaka. Muzej žrtava genocida, Beograd 2000. (Lukic, Dragoje: Es waren nur Kinder. Jasenovac – das Grab von 19.432 Mädchen und Buben. Museum der Opfer des Genozids, Belgrad 2000). Lukic war selbst als Kind im KZ Jastrebarsko gewesen und hatte sich zur lebenslangen Aufgabe gemacht, diese, seine Geschichte zu erforschen und aufzuarbeiten.

[6] „In der Tat ist die von Haus aus äußerst schwach fundierte Ustašabewegung mit ihrer wahnsinnigen Ausrottungspolitik und ihren Gräueltaten zum Symbol der missglückten Staatsschöpfung geworden.“ Glaise-Horstenau, 1943

[9] https://www.oei.fu-berlin.de/Geschichte: Jurčévić, Josip:Die Entstehung des Mythos Jasenovac. Probleme bei der Forschungsarbeit zu den Opfern des II. Weltkrieges auf dem Gebiet von Kroatien.