Spiel, Satz, Sieg

11.08.2021
Stürmerisch im Sturm erobert
Von T. Kojić
Die Aktion der kroatischen Armee „Sturm“ im Jahr 1995 war eine teuflisch-geniale Militäroffensive, die am 4. August 1995 begann und am 7. August 1995 endete.
Stürmisch, nein: stürmerisch, haben die kroatischen Einheiten – deren alte Kader einst in der genialen Jugoslawischen Volksarmee geschult und trainiert wurden – die Wiederherstellung der Grenzen von 1941 ihres damals Unabhängigen Staates Kroatien erkämpft, zum Teil zumindest. Politisches Ziel: ethnische Säuberung des Territoriums, serbenfrei.
 
Die Kampfhandlungen erstreckten sich über ein Gebiet, das 18,4 Prozent der Gesamtfläche Kroatiens betraf. Kroatische Armee- und Polizeieinheiten haben im August 1995 innerhalb von nur weniger als 100 Stunden das Gebiet der 1991 entstandenen Republik Serbische Krajina zurückerobert, die zuvor rund ein Drittel Kroatiens kontrolliert hatte.
 
 
Die die vier Farben markieren die zurückeroberten Gebiete pro Tag der Offensive „Sturm“.
 
Kristallklares Ziel
Bei dieser Aktion der kroatischen Streitkräfte, beginnend am 4. August 1995, wurden mehr als 220.000 Serben vertrieben. 1.872 Serben wurden getötet. 78 orthodoxe Kirchen, 181 Friedhöfe, 410 Geschäfte, 25.000 Häuser, 13.000 Wohnhäuser und 930 Denkmäler wurden zerstört in nur vier Tagen.
 
Spiel, Satz, Sieg Kroatien!
Und jedes Jahr seitdem wird der Sieg auch gebührend gefeiert.
 
Während in Serbien heute dieser Tag als Gedenktag begangen wird, wird in Kroatien morgen gefeiert, gerne auch in Anwesenheit von Vertretern der internationalen Gemeinschaft und des diplomatischen Korps. Eine Teilnahm an einer Feier zu ethnischen Säuberungen ist offenbar genauso wenig pietätlos wie die Aufnahme eines Landes in die EU, das im 2. Weltkrieg einen Genozid an der serbischen Minderheit begangen hat, den es weder eingesteht, noch historisch ernsthaft verarbeitet und sich bis heute auch nicht distanziert oder entschuldigt hat für die horrenden Verbrechen an der serbischen Zivilbevölkerung.
 
Im Gegenteil. Geschichtsrevisionismus und Holocaustleugnung zieht sich vom Unterrichtsmaterial, über Zeitungsberichte bis hin zu öffentlichen Radio- und Fenrsehdebatten.
 
„Jeder neutrale Beobachter müsste zugeben, dass die Zahl der zivilen und militärischen Opfer beim „Sturm" relativ gering ist, insbesondere, wenn man die große Zahl der an der Operation beteiligten Soldaten und die Größe des Raumes berücksichtigt, das geräumt wurde. Die Kroaten können wirklich stolz sein. Kein anderer an ihrer Stelle würde einem besiegten Feind gegenüber so ritterlich sein!“, so Dinko Pejčinović heute, am 4. August 2021 im Hrvatski tjednik, einer kroatischen Tageszeitung.
 
Vor dem Urteil gab es das Vorurteil
 
Als große Ungerechtigkeit und Heuchelei empfindet man in Serbien hingegen, dass über die Verbrechen gegen die Serben während der Operation „Sturm" und ähnliche Aktionen gar nicht oder in deutlich geringerem Maße gesprochen werde als über die Opfer anderer Nationen des ehemaligen Jugoslawiens.
 
In Den Haag wurden die kroatischen Generäle bzw. Militärs Ante Gotovina, Ivan Čermak und Mladen Markač zwar wegen des „kriminellen Unterfangens mit dem Ziel Serben dauerhaft und gewaltsam aus dem Gebiet der damaligen Republik Serbischen Krajina zu vertreiben“, angeklagt, aber wieder freigesprochen.
 
Niemand von der kroatischen militärischen und politischen Führung wurde für dieses Verbrechen zur Rechenschaft gezogen und oder gar verurteilt.
 
Laut der Volkszählung von 1991 lebten 582.663 Serben in der Republik Kroatien, während es laut der Volkszählung von 2011 lediglich 183.633 waren.
 
Nach dem Bürgerkrieg und der Massenflucht ging die Zahl der Serben rund um zwei Drittel zurück. Es ist daher die größte ethnische Säuberung nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa.
 
Die Feier morgen wird im Fußallstadion von NK Drinar in Knin stattfinden. Der 5. August wird in Kroatien als „Tag des Sieges und der heimatlichen Dankbarkeit“ als Nationalfeiertag begangen.
 
Danke!
 
 
Tatjana Kojić, Angestellte und Übersetzerin (Wien)